X-Men: Apocalypse (USA 2016)

x-men-apocalypse„Everything they’ve built will fall! And from the ashes of their world we’ll build a better one!“ – Destruktiver Baumeister: En Sabah Nur

Die Kino-Offensive der Superhelden geht weiter. Der Allgegenwärtigkeit von Marvels eng verzahntem Comic-Kosmos stellt DC mit dem Justice-League-Universum aktuell ein verspätetes Pendant gegenüber. Ob das für die Zuschauer nun Fluch oder Segen ist, wird sich zeigen. Denn eine gewisse Übersättigung ist bereits jetzt kaum von der Hand zu weisen. Davon unbeeindruckt zeigt sich Bryan Singer, der mit „X-Men: Apocalypse“ neuerlich Drama mit üppigen Schauwerten paart. Das große Plus seiner Realverfilmungen klassischer Bildfolgen ist das Aufblitzen politischer Positionen. Und dafür scheint kein Stoff besser geeignet als die X-Men, bei denen Ausgrenzung und Rassismus integrale Bestandteile der Geschichte bilden.

Im Mittelpunkt steht einmal mehr die Frage nach dem Verhältnis zwischen Menschen und Mutanten. Die Politik sieht in den mit Superkräften ausgestatteten Außenseitern einen kaum kontrollierbaren Gefahrquell. Manche Mutanten wiederum betrachten sich durch ihre übermenschlichen Fähigkeiten in einer übergeordneten Machtposition. Sie erhalten durch das Erwachen des Ur-Mutanten En Sabah Nur (Oscar Isaac, „Star Wars: Das Erwachen der Macht“) Bestätigung, der nach Jahrtausende währendem Schlaf einer altägyptischen Ruine entsteigt und der Herrschaft der Menschen Einhalt gebieten will. Dazu schart er mit der jungen Straßendiebin Storm (Alexandra Shipp, „Straight Outta Compton“), der kämpferischen Psylocke (Olivia Munn, „The Newsroom“) und dem in Ostberlin bei Käfigkämpfen auftretenden Angel (Ben Hardy, „EastEnders“) willige Helfer um sich und verstärkt ihre Kräfte maßgeblich.

Einen Unterstützer findet er auch in Magneto (Michael Fassbender, „Steve Jobs“), der in Polen untergetaucht ist und eine Familie gegründet hat. Als die durch Polizisten zu Tode kommt, schließt er sich dem übermächtigen Weltveränderer nur zu bereitwillig an. Ihnen gegenüber steht der an den Rollstuhl gefesselte Professor X (James McAvoy, „Drecksau“), der mit Hilfe seiner Getreuen/Schüler Mystique (Jennifer Lawrence, „Die Tribute von Panem“),  Beast (Nicholas Hoult, „Mad Max: Fury Road“) und Quicksilver (Evan Peters, „American Horror Story“), die von Jean Grey (Sophie Turner, „Game of Thrones“) in Visionen vorhergesehene Apokalypse verhindern will. Neben den neu rekrutierten Cyclops (Tye Sheridan, „Detour“) und Nightcrawler (Kodi Smit-McPhee, „Planet der Affen: Revolution“) unterstützt CIA-Agentin Moira Mactaggert (Rose Byrne, „Insidious“) das gefährliche Unterfangen.

Im zweiten „X-Men“-Prequel „Zukunft ist Vergangenheit“ stellte Bryan Singer die Weichen für eine alternative Zeitlinie. Damit einher geht im 1983 angesiedelten Nachfolger u. a. die Positionierung von Mystique auf Seiten der rechtschaffenden X-Men. Neu verhandelt wird auch die Gesinnung von Storm – und natürlich Magneto, dessen potenzierte Kräfte für spektakuläre Bilder, etwa bei der Zerstörung der Gedenkstätte Auschwitz, sorgen. Auch die von En Sabah Nur initiierte Entmachtung der Supermächte, bei der sämtliche Atomwaffen ins All verfrachtet werden, und Quicksilvers Slow-Motion-Räumung der explodierenden Mutantenakademie dürfen zu den optischen Höhepunkten gezählt werden. Bei aller visuellen Wucht lässt sich die epochale Superhelden-Fantasy jedoch Zeit für die Entwicklung der Figuren.

Singers insgesamt viertes „X-Men“-Abenteuer verweigert sich zumindest bis zur finalen, dezent generischen Materialschlacht der üblichen Blockbuster-Actionlast und widmet sich den dramatischen Aspekten der Geschichte. Dass die mitunter arg kalkuliert ausfallen, belegt das Schicksal Magnetos, der natürlich den Tod seiner Lieben beklagen muss, um der dunklen Seite der Mutantenmacht zuträglich zu sein. Die stargespickte Besetzung – neben einem Berserker-Kurzauftritt von Wolverine (Hugh Jackman) tritt 80’s-Star Ally Sheedy („The Breakfast Club“) in einer Mini-Rolle auf – sorgt allerdings dafür, dass die Comic-Charaktere mit der nötigen Wucht lebendig werden. Der emotionslose Bösewicht En Sabah Nur bleibt davon trotz schierer Unbezwingbarkeit allerdings ausgeschlossen. Doch selbst wenn „X-Men: Apocalypse“ nicht vollends überwältigt, der relativen Übersättigung des Superheldenfilms widerstrebt er dennoch auf sattsam überzeugende Weise.

Wertung: (7 / 10)

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