Wizo – Anderster (2004, Hulk Räckorz/SPV)

wizo-andersterErstens kommt es anders, zweitens kommt es anderster…

Hoppla, neun Jahre nach der „Herrènhandtasche” plumpst mit „Anderster” der längst als pure Utopie abgestempelte fünfte Langspieler von WIZO über Hulk Räckorz in die Plattenläden der Republik. Der anfänglichen Freude folgt alsbald ein eiligst versprühtes Tränchen der Trauer, zieht die Scheibe doch einen lang hinausgezögerten Schlussstrich unter 17 Jahre Bandhistorie. Und WIZO wären nicht WIZO, würden sie ihren Werdegang nicht mit einem eigenwilligen Paukenschlag zu Grabe tragen wollen. Begründungen für den endgültigen Abtritt oder dergleichen Statements sucht man im Refugium von „Anderster” ebenso vergebens wie melancholische Abgesänge oder fazitäre Reflexionen. Statt dessen verblüfft das inspirierte Dreigestirn mit Gegensätzen und der musischen Tradition, wahrlich kein WIZO-Album dem anderen gleichen zu lassen. Vielmehr wird mit reichlich Weichspüler und von Ska-Anleihen geprägter Experimentierfreude (u.a. beim starken „Chezus”) der nicht immer erfolgreiche Versuch unternommen, neues klangliches Terrain zu erschliessen.

Der Opener „Kopf ab, Schwanz ab, Has!” ergreift in beinahe Volkstümlicher Manier Partei für alle Katzenfeinde und eröffnet verspielten Tendenzen in Richtung des deutschen Schlagers Tür und Tor. Neben Reminiszenzen an Chanson und puristisches Liedermachertum dürfte der Beitrag „Unsichtbare Frau” nicht nur aufgrund des einsetzenden Drumcomputers selbst DIE FLIPPERS in innigster Verzückung erstarren lassen. Dem gegenüber steht mit „Nana” eine verzichtbare Ode an plakative Punk-Klischees, die bei der zigsten Verwurstung wohl einzig noch pubertierende Nietenträger vom Bordstein kegelt. Im Geiste der „Herrènhandtasche” stecken WIZO ideologisch deutlich zurück. Auf der einen Seite bedauerlich, würde ein schneidig geschnürtes Säckel anarchischer Politphrasen in der heutigen Zeit wohl einzig unter bitterem Beigeschmack Integrität implizieren. So gibt es inhaltlich denn auch eher launige Belanglosigkeiten denn ernsthaften Diskurs zu vermelden. Dabei entert der Fun-Punk in seiner ironisierten Skurrilität des öfteren die Barke der Punkkabarettisten HEITER BIS WOLKIG. Bei „Miss Pickafight” trällert das Gespann einmal mehr in englischer Sprache und schmückt selbigen Track mit dem Schein einer weiteren Surf-Ballade in punkiger Kostümierung. Ein Quäntchen Schwermut schwingt letztlich aber doch mit, wenn beim treibenden Schlusspunkt „Z.G.V.” der Lauf der Zeit vergegenwärtigt wird.

Welche Erwartungen die Vermächtniskonserve des Trios aus Sindelfingen beim Einzelnen auch schüren mag, „Anderster” ist dem Titel entsprechend einzig gegenläufige Begleitmusik für eingefleischte Fans der ehemals subversiven Combo. Launig, doch abseits ihres großen Wurfes „UUAARRGH!” angesiedelt. So nehmen WIZO endgültig ihren Hut und ziehen nach der angekündigten Abschiedstour im Frühjahr nächsten Jahres artig die Tür hinter einer bewegten Karriere zu. Aber vielleicht lässt man die exzentrischen Herrschaften nach einer Scheibe wie „Anderster” ebenso ziehen wie die antiquierten Ideale des deutschen Punks insgesamt.

Wertung: (7 / 10)

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