Wir sind die Nacht (D 2010)

wir-sind-die-nachtZu Recht wird dem Deutschen Film nachgesagt, er verschlafe Trends und zeige außerhalb gesellschaftsanalytischer Dramen kaum den Mut, mit Konventionen zu brechen. Dass ausgerechnet „Wir sind die Nacht“ eine die Regel bestätigende Ausnahme werden würde, ist durchaus überraschend. Denn vor Freude in die Luft sprangen wohl nur die Wenigsten, als Constantin Film verlauten ließ, „Die Welle“-Regisseur Dennis Gansel werde vor der Kulisse Berlins einen Vampirstreifen drehen. Einen solchen plante er bereits in den Neunzigern. Damals aber schien das Thema ausgelutscht. Erst jetzt, wo die Begeisterung für „Twilight“ und „True Blood“ sämtliche Altersschichten erfasst, schien die Zeit Reif.

Der stete Beigeschmack des Fahrwassers der US-Blutsaugerwelle ließ wenig erwarten. Doch Autor Jan Berger („FC Venus“), der Gansels ursprüngliches Skript aufpeppte, mischt gängige Klischees nach eigener Vorstellung unterhaltsam durch. Zwar finden sich auch hier nur altbekannte Wendungen und Erzählmotive, mit dem Gefühlskitsch der „Twilight“-Saga hat das blutige Fantasy-Drama allerdings erfreulich wenig gemein. Gansel verpasst dem kurzweiligen Film eine düster hochgestylte Oberfläche, unter der sich mit dem nötigen Tempo und dem richtigen Timing für ansprechend inszenierte Action ein durchaus packender Genre-Abklatsch entspinnt.

Der rankt sich um die ziellose Taschendiebin Lena (Karoline Herfurth, „Im Winter ein Jahr“), die in den Bann der lasterhaften Vampirin Louise (Nina Hoss, „Die weiße Massai“) gerät. Mit ihren jungen Gefährtinnen, der flippigen Nora (Anna Fischer, „Fleisch ist mein Gemüse“) und der melancholischen Charlotte (Jennifer Ulrich, „Die Welle“), gibt sich diese im Berliner Nachtleben Luxus, Sex und Blutdurst hin. In Lena glaubt die Patriarchin eine Seelenverwandte gefunden zu haben und verwandelt sie gleich nach der ersten Begegnung selbst in einen Vampir. Die neu erworbene Freiheit und vor allem die Macht, sich zu nehmen was gefällt, lassen Lena anfangs aufblühen. Ihre Menschlichkeit jedoch kann sie nicht einfach ausblenden. Zumal ihr Polizist Tom (Max Riemelt, „13 Semester“) nicht allein aus beruflichen Gründen nachstellt.

So reihen sich Vorhersehbare Wendungen und zunehmend ausweglose Entwicklungen aneinander. Ein Blutbad unter russischen Zuhältern lässt einen Zeugen zurück, der die Staatsgewalt schließlich auf die Spur der Vampir-Damen führt. Die weibliche Dominanz hebt sich wohlwollend vom Erbe Draculas ab. Nur hätte ein wenig mehr Vertiefung der Charaktere, das deutet bereits die angerissene Hintergrundgeschichte Charlottes an, sicher nicht geschadet. Aber „Wir sind die Nacht“ lebt allein von oberflächlichen Reizen und Gansel spielt diese mit handwerklichem Geschick und der Sicherheit überzeugender Darsteller(innen) adäquat aus. Viel übrig bleibt am Ende nicht. Außer natürlich der erfreulichen Erkenntnis, dass deutsches Kino internationalen Genre-Standards durchaus gerecht werden kann.

Wertung: (6,5 / 10)

 

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