Windtalkers – Director’s Cut (USA 2002)

windtalkersdcJohn Woo vs. Director´s Cut

Bei „Harte Ziele” – seinem US-Debüt – konnte der chinesische Maestro des Heroic Bloodshed nicht wie er wollte, bei „Broken Arrow” wollte er nicht wie er konnte. Die TV-Produktionen „Black Jack“ und „Once a Thief“ lassen wir achtlos unter den Tisch fallen und „Paycheck“ richtet so lange keinen Schaden an, wie man ihn erfolgreich aus seinem Gedächtnis zu tilgen weiß. Durchwachsene Freude bereitet auch der überschätzte „Face/Off“, der wie „Mission: Impossible 2“ nur eine gut inszenierte Anhäufung alberner Klischees ist. Was bleibt ist „Windtalkers“, Woos gescheiterter Versuch, die Schrecken des Zweiten Weltkrieges in ein Geschmeide aus brachialer Action und deplatziertem Pathos zu kleiden.

Um so erstaunlicher scheint, dass sich MGM anno 2003 den Luxus erlaubte, ein feudales `Director´s Edition Box Set` des gnadenlos gefloppten Guts´n´Gore-Kriegsactioners auf DVD zu veröffentlichen – vorerst allerdings nur in den Vereinigten Staaten. Darauf enthalten ist John Woos bislang erster und einziger offiziell vertriebener `Director´s Cut` – sogar mit optionaler Einführung des Regisseurs. Die zusätzlich rund 20 Minuten integrierten Bildmaterials bescheren dem Film – entgegen seiner damaligen Kinofassung – zumindest im Ansatz den erforderlichen Tiefgang. Doch ist „Windtalkers“ auch in der erweiterten Version weit davon entfernt, als Meisterwerk deklariert zu werden.

Oscarpreisträger Nicolas Cage („Leaving Las Vegas“) mimt den traumatisierten wie lebensmüden Vollblutinfanteristen Sergeant Joe Enders einmal mehr befangen zwischen Ausdrucksstärke und haltlosem Überagieren. Dabei dezimiert er die feindlichen Linien mit der Lizenz zum Endlosballern fast im Alleingang. Enders ist ein gebrochener Mann, doch entschuldigt nicht einmal das die permanente Kampfverstrickung seines Schutzbefohlenen indianischen Kodierfunkers Ben Yahzee (Adam Beach, „Smoke Signals“). Denn dieser darf unter keinen Umständen in Feindeshand geraten, soll im Zweifelsfalle gar von Enders selbst getötet werden.

Die Mission ist die Sicherung des Navajo-Codes, das Leben des Einzelnen tritt hinter den Prinzipien der US-Armee zurück. Yahzees Freund Charlie Whitehorse (Roger Willie, „Adaptation“) wird dem Sergeanten Ox Henderson (Christian Slater, „Hard Rain“) unterstellt und muss sich den unbarmherzigen Regeln des Krieges bald beugen: Als Henderson bei einem Angriff der Japaner enthauptet wird, fügt sich Whitehorse in sein von Enders herbeigeführtes Ableben. Die Folge ist ein erbitterter Konflikt zwischen ihm und Yahzee, der auf dem Schlachtfeld schließlich zu eskalieren droht.

„Windtalkers“ ist eine episch angehauchte Entertainment-Brumme, die ihren Unterhaltungswert auf einer ethisch erschreckend niedrigen Ebene figuriert. Die Verquickung von straff auf Zelluloid gebannten Todesballetten in Zeitlupe – eine Ästhetik, die Woo einst zum Aushängeschild des asiatischen Actionfilms machte – mit der konstruiert tiefgreifenden Tragik der Soldatenschicksale ist unweigerlich zum Scheitern verurteilt. „Hard Boiled“ in Kriegszeiten aufrollen zu wollen ist ebenso fehl am Platze, wie James Horners („Braveheart“, „Titanic“) unnötig pathetischer Score.

Gemessen an den Standarten Hollywoods funktioniert „Windtalkers“ als spektakulärer Mix aus Bildgewalt und wuchtiger Action. Da darf auch – wie zum Anbeginn von Woos Karriere – das Blut bis an die Linse der Kamera spritzen. Aber man braucht als Produzent und Regisseur schon ein dickes Fell, um diesem Film jenseits seines realitätsfernen und selbstzweckhaften Gemetzels einen fundierten historischen Hintergrund anzudichten – da mag der Einsatz indianischer Funker im Zweiten Weltkrieg noch so belegbar sein.

Jenseits der formalen Prägnanz fällt es John Woo sichtbar schwer, die Konturen seiner Figuren mit Leben zu füllen. Dies verdeutlicht auch Enders zögerliche Beziehung zur Krankenschwester Rita (Frances O´Connor, „Ernst sein ist alles“), der im Director´s Cut mehr Aufmerksamkeit gewidmet wird, sich trotz alledem aber zumeist über einseitigen Briefkontakt aus dem Off bemerkbar macht. Ebenso verheizt wie die Infanteristen im Film wird auch die namhafte Darstellerriege. Akteure wie Peter Stormare („The Big Lebowski“), Jason Isaacs (“Harry Potter und die Kammer des Schreckens”), Brian Van Holt („Black Hawk Down“), Martin Henderson („The Ring”), Noah Emmerich („Final Call”) und Mark Ruffalo („30 über Nacht”) kämpfen mit Leibeskräften nicht nur gegen die Japaner, sondern auch den Ballast charakterlicher Klischees auf ihren Schultern.

Unter seiner Action-lastigen Hülle präsentiert sich „Windtalkers“ erstaunlich sinnentleert. Dies jedoch nicht, um der Sinnlosigkeit der dargestellten Kriegsgreuel gerecht zu werden, sondern vornehmlich aufgrund des verqueren eigenen Anspruchs. Als drastische Kriegs-Action für Fans – gerade in der auch in Sachen Gewalt deutlich erweiterten Fassung – durchaus genießbar, im Vergleich zu wahrhaft meisterlichen Anti-Kriegsdramen wie Terrence Malicks „Der schmale Grat“ allerdings hoffnungslos unterlegen.

Wertung: (6 / 10)

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