Wilde Pferde (I/E/F 1973)

wildepferdeIrgendwie amerikanisch und doch ein Italo-Western: „Wilde Pferde“ hat den internationalen Star (Charles Bronson, „Ein Mann sieht Rot“), den internationalen Regisseur (John Sturges, „Die glorreichen Sieben“) und den internationalen Produzenten (Dino De Laurentiis, „King Kong“). Dass Letztgenannter gebürtiger Italiener ist, ändert wenig. Schließlich brachte er von „Dune“ bis „Armee der Finsternis“ sein Scherflein zumeist in Hollywood ein. Ein Genrefilm ohne echte Zugehörigkeit also – ganz wie seine Hauptfigur.

Chino Valdez (Bronson) ist ein Mexikanerhalbblut, das sich auf nichts besser versteht als aufs Pferdezüchten. Er lebt zurückgezogen auf seiner Ranch und meidet den Kontakt zu anderen Menschen. Als der junge Jamey Wagner (für das Projekt so unersetzbar, dass er in den Anfangstiteln gleich zweimal genannt wird: Vincent Van Patten, „Rock ´n´ Roll Highschool“) bei ihm auftaucht, erweicht er das Herz des Raubeins und wird zu seinem Gehilfen. Doch die Zeiten ändern sich. Großgrundbesitzer Maral (Marcel Bozzuffi, „Marschier oder stirb“) umzäunt sein Gebiet und nimmt Chinos Wildpferden damit den Lebensraum. Die Situation spitzt sich zu, als er mit Catherine (Bronsons Ehefrau Jill Ireland, „Der Mordanschlag“), der Schwester seines Kontrahenten, anbandelt.

Der harte Brocken und das Mädchen aus gutem Hause: Eine Romanze, wie sie das (amerikanische) Kino oftmals schrieb. Aber sie steht nicht im Vordergrund, sondern verläuft parallel zu zwei anderen. Die eine zeigt das einer Vater-Sohn-Beziehung ähnliche Verhältnis zwischen Chino und Jamey, die andere den schwelenden Konflikt mit Maral und dessen Handlangern. „Wilde Pferde“, den Regie-Veteran Sturges in Zusammenarbeit mit Duilio Coletti („Anzio“) mit ruhiger Hand inszenierte, steuert nicht auf eine bereinigende Konfrontation nach bekanntem Muster zu. Die gibt es zwar, aber mit unvorhersehbarem, nicht zuletzt dramaturgisch absolut glaubwürdigem Ausgang.

Dem lakonischen, fast zurückhaltend ereignislosen Spät-Western geht es mehr um Charaktere (und Pferde) als um Action. Die beschränkt sich, wenn überhaupt, auf vereinzelte Faustkämpfe und finalen Schusswaffengebrauch. Gewöhnlich ist das nicht, gerade für die Filmographie von Charles Bronson. Aber es gibt ihm die Gelegenheit, mehr zu zeigen als nur die später standardisierte Vorstellung des gewaltbereiten Vigilanten. Dazu ergibt sich ein differenziertes Bild der amerikanischen Ureinwohner, die, mit Chino bekannt, im Kollektiv zwar lautstark schnarchen, daneben aber keineswegs als der unkultivierte Kugelfang des klassischen Westerns gezeigt werden.

Überhaupt steht „Wilde Pferde“, nach einem Buch von Lee Hoffmann, für eine spätere, eine nachdenklichere Generation des Westerns. Mit der Actionlast der Spaghetti-Variante ist das kaum in Einklang zu bringen. Aber es überzeugt, weil die Charakterdarstellungen bei aller Oberflächlichkeit funktionieren und zu keiner Zeit an konstruiert überdramatisierte Plotmuster verschwendet werden. Es geht um einen Mann, dessen Schlag von der Zeit eingeholt wird. Darin liegt eine Wehmut, die sich durch die Einsicht des am Ende geschlagenen Chino noch verstärkt. Ein leiser Abgesang auf die Mythen des wilden Westens.

Wertung: (7 / 10)

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