Whale Rider (NZ/D 2002)

whale-riderDie neuseeländische Filmkultur besteht nicht allein aus Peter Jacksons „Herr der Ringe“-Trilogie. In der Vergangenheit erregten insbesondere kleine Werke wie Lee Tamahoris „Die letzte Kriegerin – Once Were Warriors“ Aufmerksamkeit. Ein weiteres künstlerisches Kleinod ist „Whale Rider“, das meisterliche Regiedebüt von Regisseurin Niki Caro. Das interkontinental mit einem erfreulich hohen Maße an Aufmerksamkeit bedachte Werk wurde unter anderem auf den Filmfestspielen von Toronto, Rotterdam, San Francisco sowie dem renommierten Sundance-Festival ausgezeichnet.

„Whale Rider“ ist ein anrührendes und einfühlsames, jedoch gleichsam wunderbar ungeschöntes Ethno-Drama mit einer starken Geschichte und einer noch viel stärkeren Hauptdarstellerin. Die erst 13-jährige Keisha Castle-Hughes wurde aufgrund ihrer famosen Leistung, wohlgemerkt in ihrer ersten Rolle überhaupt, diesjährig gar für den Oscar in der Kategorie der besten weiblichen Hauptdarstellerin nominiert. Damit erhielt sie den Vorzug vor namhaften Kolleginnen wie Nicole Kidman.

Die Herkunft eines kleinen Ortes an der Ostküste Neuseelands geht zurück auf Paikea, den Walreiter. Jener brachte das Leben und die alte Kultur auf dem Rücken eines gewaltigen Meeressäugers von Polynesien nach Neuseeland und begründete somit die traditionsreiche Zivilisation der Whangara, eines Stammes des Maori. Und so trägt seit vielen Generationen ein auserwählter männlicher Erstgeborener, ein Häuptling, den Titel und den Namen des Walreiters, um den Fortbestand der Stammeswurzeln zu gewährleisten. Als die Zeit gekommen scheint und die Frau des Künstlers Porourangi (Cliff Curtis, „Training Day“) den erhofften Würdenträger gebären soll, sterben Mutter und Sohn bei der Entbindung.

Einzig die Zwillingsschwester überlebt. Porourangi nennt sie gegen den Willen seines Vaters Koro (Rawiri Paratene, „Rapa Nui“) Paikea und verlässt wenig später Neuseeland, um in Europa mit seiner Kunst Anklang zu finden. So wächst Paikea bei den Großeltern auf. Während sich die Großmutter Flowers (Vicky Haughton) rührend um sie kümmert, taumeln die Gefühle Koros zwischen Liebe und Abneigung. Gewillt, die Traditionen und Riten der Whangara aufleben zu lassen, beschließt Koro unter allen männlichen Erstgeborenen den geeigneten Anführer für das Dorf zu finden. Die kluge Paikea wird bewusst ausgeschlossen wird.

In dem jungen Mädchen entbrennt ein verzweifelter Kampf um die Anerkennung ihres starrköpfigen Großvaters und den Fortbestand der kulturellen Gebräuche ihrer Heimat. Das mündet letztlich in das Auftauchen der alten Götter, respektive der Wale, selbst. Aus der Grundlage des gleichnamigen Romans von Witi Ihimaeras initiiert Niki Caro einen wunderbaren Film um familiäre Akzeptanz und Vorurteile, Emanzipation und Gleichwertigkeit. Voller Wärme, unterschwelligen Humors und mit viel Gespür für kleine Gesten und Augenblicke inszeniert, besticht „Whale Rider“ nicht zuletzt durch die überzeugenden Darsteller und die reichhaltige Bebilderung.

Dass die anrührende Geschichte anbei ohne Kitsch und Klischees auskommt, trägt im Gesamtbild maßgeblich zum künstlerischen Erfolg bei und streut die moralischen Einschübe über die Gleichwertigkeit des Menschen bedächtig und subtil ein, fast wie eine notwendige Begleiterscheinung. So ist „Whale Rider“, übrigens der erfolgreichste Film in der Kinogeschichte Neuseelands, ein kleines und kluges Meisterwerk, das einen generationsübergreifenden Tenor mit tiefverwurzeltem Verständnis für zwischenmenschliche Verhaltensweisen vorweist und obendrein bestens unterhält. Diesen Film sollte man sich nicht entgehen lassen.

Wertung: 8.5 out of 10 stars (8,5 / 10)

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