Vinyan (B/F/GB 2008)

vinyanAm Anfang ist Chaos. Wild tanzen Wasserbläschen über den Bildschirm, während Schreie und Tosen das in rot getauchte Ende der Welt erahnen lassen. Als sich der Ozean beruhigt, sind in Sekundenbruchteilen sechs Monate vergangen. Eine Frau entsteigt der See, deren entspannte Züge nur Fassade einer inneren Zerrissenheit sind. Während des Tsunami im Dezember 2004 haben sie und ihr Ehemann den gemeinsamen Sohn verloren. In Thailand, wo die Katastrophe die meisten Opfer forderte, glaubt sie plötzlich einen Hinweis auf den Verbleib des Jungen gefunden zu haben.

Fabrice Du Welz´ („Calvaire“) undurchdringlicher Alptraum „Vinyan“ ist eine Reise ins „Herz der Finsternis“. Sie weckt fast unweigerlich Assoziationen an Joseph Conrad, dessen Buch Francis Ford Coppola in den infernalischen Antikriegs-Klassiker „Apocalypse Now“ verwandelte. Der Trip ins Ungewisse beflügelt die Konfrontation mit einem Grauen, das in der Spekulation alles sein kann. Das teuflische Wesen der Frau beispielsweise. Doch Du Welz ist nicht Lars von Trier und „Vinyan“ ist nicht „Antichrist“. Wenn beide Filme auf ihre ganz individuelle Weise auch extravagante Variationen bekannter Horror-Motive repräsentieren.

Auf einem Video über Waisenkinder in Burma glaubt Jeanne (Emmanuelle Béart, „8 Frauen“) ihren Sohn zu erkennen. Geradezu verzweifelt klammert sie sich an den hoffnungsvollen Strohhalm und lässt sich mit Gatte Paul (Rufus Sewell, „The Illusionist“) von einem Menschenhändler in die Krisenregion schippern. Das Unterfangen kostet viel Geld, frisst neben den finanziellen Ressourcen aber auch die Kraft des Paares. Mit zunehmender Unwirtlichkeit ihrer Stationen (ein visueller Höhepunkt ist das verfallene, schmutzig schwarze Dorf am Wasser) wächst auch das Unbehagen. Bis sie im Dschungel eine Personifizierung des angedeuteten Grauens ereilt.

Gesichter erstarren zu Masken, unheilvolle Visionen lassen die Grenzen zwischen Imagination und Realität verschwimmen. Die düsteren Vorzeichen des eindringlich gespielten Dramas entladen sich über mysteriöse Wegsteine in einem Finale puren Horrors. Die kunstvolle Fotografie und die zermürbende Kraft der Bildsprache machen „Vinyan“ zu einem schwer verdaulichen Kleinod, das reichlich Platz für Interpretationen bietet. Am Anfang ist Chaos. Am Ende auch. Bis der Zuschauer im Abspann mit den Geräuschen des Urwalds allein gelassen wird. Ein faszinierender, verstörender und visuell aufregender Film.

Wertung: 7 out of 10 stars (7 / 10)

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