Verblendung (S/DK/D 2009)

Verblendung_POS_neuerbilling:Layout 1Nachdem sich Stieg Larssons „Millennium“-Trilogie über Monate in den Bestsellerlisten behauptet hatte, war eine Verfilmung schnell beschlossene Sache. Der 2004 verstorbene Journalist und Schriftsteller erlangte durch die posthume Veröffentlichung seiner Romane internationale Berühmtheit. Doch noch bevor sich Hollywood die Rechte sichern konnte, reagierte Schwedens Filmindustrie und brachte die Produktion mit deutschen und dänischen Geldern selbst auf den Weg. Das Ergebnis mag nicht alle Kenner der Vorlage zufrieden stellen. Ein hervorragender Thriller ist der erste Akt „Verblendung“ dennoch geworden.

Man mag dem Stoff eine gewisse erzählerische Dankbarkeit attestieren, die, bedingt durch Larssons plastische Schreibe, leicht vom Papier auf die Leinwand zu bringen scheint. Doch sollte nicht die Sorgfalt vergessen werden, mit der das Team um Regisseur Niels Arden Oplev („Der Traum“) Drehorte und Besetzung wählte. Vor allem die Schauspieler werden ihren literarischen Vorreitern verblüffend leicht gerecht und tragen den Film auch ohne große Namen. Der haftet lediglich dem Urheber an, dessen Buch Nikolaj Arcel und Rasmus Heisterberg („Insel der verlorenen Seelen“) in ein gelungenes Skript adaptierten.

Natürlich kann der Film nicht die tiefen charakterlichen Einblicke Larssons abbilden und schrumpft die verzweigte Geschichte auf die Essenz des Krimi-Plots zusammen. Der Aspekt korrupter Wirtschaftszweige dient als Rahmen, wenn der investigative Journalist Mikael Blomkvist (Michael Nyqvist) als Opfer einer Intrige zu einer Haftstrafe verurteilt wird. Bevor er diese jedoch antritt, engagiert ihn der Industrielle Henrik Vanger (Sven-Bertil Taube), um seine vor Jahrzehnten verschollene Nichte aufzuspüren. Die beschenkte den Onkel zu jedem Geburtstag mit einer gepressten Blume hinter Glas. Diese Tradition brach auch nach ihrem Verschwinden nicht ab.

„Verblendung“ handelt von Hass. Von quälendem und von befreiendem. Den zehrenden, den destruktiven drückt bereits der Originaltitel aus, der übersetzt „Männer, die Frauen hassen“ bedeutet. Seinen Ursprung hat er in der Nazizeit, in der autoritären Gesellschaft eines totalitären Systems. Ihm gegenüber steht ein reinigender Gegenpol, der von der begnadeten jungen Hackerin Lisbeth Salander (Noomi Rapace) ausgefüllt wird. In ihren Tattoos, Piercings und Punk-Klamotten drückt sich ein Hass auf Konventionen und Konformität aus. Sie ist die ewige Rebellin, psychisch vorbelastet und mit einem sie misshandelnden und vergewaltigenden Vormund gestraft.

Stärker als im Buch drängt Lisbeth, die der reduzierten Hauptfigur Mikael Blomkvist bald aktiv bei der Spurensuche zur Seite steht, in den Mittelpunkt. Auf einer kleinen Insel, bewohnt von den zerstrittenen Resten der Unternehmerdynastie Vanger, stoßen sie auf eine grausame Mordserie, deren Täter nur dem familiären Umfeld entstammen kann. Diese komplexe Zuspitzung, die das Grauen hinter der bürgerlichen Fassade entlarvt, inszeniert Oplev als kühl bebilderten, atmosphärisch düsteren und in Lisbeths Missbrauch/Gegenwehr schonungslos harten Thriller, der Larssons „Verblendung“ ohne Hast auf zweieinhalb hervorragende Stunden nordischer Spannungserzeugung komprimiert.

Wertung: 8 out of 10 stars (8 / 10)

Ähnliche Beiträge

  • God of Gamblers (HK 1989)

    Der nimmermüde Wong Jing („Magic Crystal“) erarbeitete sich in Hongkong über Jahre den Status eines Erfolgs-Garanten. Dazu brauchte er lediglich altbekannte Momentaufnahmen von Eastern-Abenteuer, Fantasy oder Heroic Bloodshed zu kombinieren und unter einem Haufen infantiler Witze zu begraben. Im Westen ist der Filmemacher, der bisweilen acht Projekte in einem Jahr dirigierte, weitgehend unbekannt. Am populärsten…

  • Planet 51 (E/GB/USA 2010)

    Kulturschock nach Bauart klassischer Science-Fiction: In der turbulenten Animationskomödie „Planet 51“ wird die Begegnung mit außerirdischen Lebensformen umgekehrt. Statt der Erde wird ein bewohnter Planet in den unendlichen Weiten des Weltalls heimgesucht – von einem menschlichen Astronauten. Der entsteigt eines schönen Tages seiner Landefähre und platziert die amerikanische Flagge ausgerechnet im Gartenidyll einer Familie grüner…

  • Hatchet III (USA 2013)

    Beim Slasherfilm sind aller guten Dinge nicht zwingend drei, sondern oftmals vier, fünf oder gar 10. Gemeint ist die Anzahl der einzelnen Teile einer Horrorserie, die je nach Publikumsgunst ausgereizt wird, bis auch der letzte beinharte Fan die Lust am blutigen Treiben dieses oder jenes wahnsinnigen Meuchlers verliert. Zumindest, bis Jahre später zur Wiederbelebung des…

  • Itsy Bitsy (USA 2019)

    „Curiosity killed the Cat. Can be Deadly to people, too.“ – Walter Die Plünderung des kulturellen Nachlasses indigener Volksgruppen ist ein Verbrechen, das vor dem Hintergrund der Kolonialzeit oft ungesühnt blieb. In Micah Gallos „Itsy Bitsy“ dient dieser Kontext als Auslöser, wenn ein mysteriöses schwarzes Ei Anstoß für handgemachten Spinnen-Terror bietet. Denn Indios haben die Brut…

  • In a Violent Nature (USA 2024)

    Der Horror als ausgiebiger Waldspaziergang Der Slasher-Film ist gemeinhin kein Kritiker*innen-Liebling. Natürlich gibt es Ausnahmen, solche wie die Genre-Hommage wie gleichwohl -Renaissance „Scream“ (1996). Sie verzückte neben dem Feuilleton auch das Publikum. Wie selten diese Einigkeit bei der Meinungsäußerung ist, zeigt sich auch am bereits vor dem offiziellen Erscheinen hoch gehandelten „In a Violent Nature“….

  • New Kids Nitro (NL 2011)

    Wenn der Wahnsinn zweimal prollt… Es reicht in der heutigen Kinolandschaft nicht, die Grenzen des (guten) Geschmacks nur einmal kolossal zu sprengen. Nach einem Erfolg im Kino ist ein zweiter Anlauf zur Pflicht geworden, egal wie grottig der Erstling eigentlich auch ist. Die Liste derer ist lang, endet aber vorläufig bei den holländischen Vollprolls von New Kids….