Unter Bauern – Retter in der Nacht (D 2009)

unter-bauern-retter-in-der-nachtAls Marga Spiegels Erlebnisbericht „Retter in der Nacht“ Mitte der Neunzehnsechziger erschien, war es die erste offene Auseinandersetzung mit Zivilcourage unterm Hakenkreuz. Statt die jede Verantwortung ausblendende „Wir haben doch nichts gewusst“-Mentalität zu füttern, wurde plötzlich klar, dass nicht alle, sei es aus Führertreue oder schierer Furcht ums eigene Leben, die Augen vor der Judenverfolgung verschlossen hielten. Von 1943 bis zum Kriegsende 1945 kamen Marga Spiegel und ihre Tochter bei der westfälischen Bauernfamilie Aschoff unter, während sich ihr Ehemann Menne in den Ställen verschiedener Höfe verbarg.

Der Deportation in den Osten wollen sich die Spiegels, im Film „Unter Bauern“ gespielt von Veronica Ferres („Klimt“) und Armin Rohde („Die Bluthochzeit“), nicht ergeben. Im Münsterland hat Menne noch Kameraden aus dem Ersten Weltkrieg. Damals erhielt er für die Verteidigung des Vaterlandes das Eiserne Kreuz. Aber das zählt längst nichts mehr. Marga ist blond und geht leicht als ausgebombte Dortmunderin durch, die bei den Aschoffs – stark gespielt von Margarita Broich („Effi Briest“) und Martin Horn („Buddenbrocks“) – Obdach findet.

Die Hilfe ist nicht politisch motiviert. Bäuerin Aschoff scheint für Juden nicht einmal viel übrig zu haben. Es ist der christliche Anstand, das Gebot der Nächstenliebe, das die Familie zur gefahrvollen Rettung treibt. Die Darsteller agieren angenehm zurückhaltend, meiden große Gesten und Theatralik. Neben Broich ist es vor allem Rohde, der dem erst zuversichtlichen, später jedoch zusehends zermürbten Menne eine tiefe Glaubwürdigkeit verleiht. Auch die Inszenierung von Ludi Boeken („Deadlines“) bleibt mit der Kargheit der Ausstattung stets authentisch.

Allein die Darstellung der fanatischen Nazis bringt ein paar flache Dialogzeilen mit sich. Doch ist „Unter Bauern“ ein sehenswerter und eindringlicher Film, bei dem im gebotenen historischen Abstand nicht die Mörder, sondern die Helfer gezeigt werden. Am Ende, wenn auch die echte, noch heute im Münsterland lebende Marga Spiegel hinter den Kulissen auftritt, informieren Texttafeln über lediglich 465 als Judenretter anerkannte Deutsche. Sie werden nicht als Helden gefeiert, sie sind schlicht die moralische Ausnahme. Schließlich werfen ihre großherzigen, uneigennützigen Taten die Frage auf, wie die übrigen fast 70 Millionen Reichsbürger Anstand und Nächstenliebe so leichtfertig vergessen konnten.

Wertung: (7,5 / 10)

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