True Detective (Season 1) (USA 2014)

true-detective-season-1„I think human consciousness is a tragic misstep in evolution. We became too self-aware, nature created an aspect of nature separate from itself. We are creatures that should not exist by natural law. We are things that labor under the illusion of having a self, an accretion of sensory, experience and feeling, programmed with total assurance that we are each somebody, when in fact everybody is nobody. Maybe the honorable thing for our species to do is deny our programming, stop reproducing, walk hand in hand into extinction, one last midnight – brothers and sisters opting out of a raw deal.“ – Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins: Cohle

Die Serienkultur des US-Bezahlfernsehens hat die Bewegtbild-Unterhaltung revolutioniert. Durch Erfolgsreihen wie „Breaking Bad“, „The Walking Dead“, „Boardwalk Empire“ oder „Game of Thrones“ hat der TV-Markt qualitativ zum Kino aufgeschlossen. Mit „True Detective“ überholt er die Filmindustrie endgültig. Die von Nic Pizzolatto entwickelte und geschriebene Serie offenbart Produktionsbedingungen und Optik auf Leinwandniveau – allein der kunstvoll gestaltete Vorspann ist ein echter Höhepunkt. Doch wo andere Reihen über die Dauer einer Staffel zwangsläufig kleinere Längen und Füllszenen aufweisen, wird das brillante Thriller-Drama über acht Episoden sorgfältig und in sich schlicht perfekt auserzählt. So entsteht großes Kino für den kleinen Bildschirm. Oder auch den üppigen Flatscreen.

Der größte Coup bleibt die Besetzung. Für die Hauptrollen konnten die Hollywood-Stars Woody Harrelson („No Country for Old Men“) und Matthew McConaughey („Dallas Buyers Club“) gewonnen werden. Die in den letzten Jahren radikal vollzogene Wandlung McConaugheys vom seichten Komödienstar zum gefeierten und jüngst Oscar-prämierten Charakterdarsteller erhält hier ihre begeisternde Manifestierung. Als ungleiches Ermittlerduo gehen die beiden in Louisiana auf Mörderjagd. Doch was anfangs anmutet wie eine thematische Neubearbeitung des klassischen „Sieben“-Terrains, wächst sich durch geschickte Zeitsprünge und die Ausbreitung der Handlung über fast zwei Jahrzehnte zum komplexen und meisterlich erzählten Kriminal-Epos aus.

Das beginnt mit einem rätselhaften Ritualmord, der 1995 die besagten Partner Marty Hart (Harrelson) und Rust Cohle (McConaughey) auf den Plan ruft. Die Leiche einer jungen Frau wird zwischen Feldern gefunden. Sie wurde mit Drogen vollgepumpt, missbraucht und ermordet. Der Körper ist inmitten heidnischer Holzornamente an einen Baum gefesselt. Auf dem Kopf trägt das Opfer eine Krone aus Geweihstücken. Die folgenden Ermittlungshergänge werden rückblickend erzählt. 2010 sitzen beide sichtlich gealtert in Verhörzimmern der Polizei. Der kühle Denker Cohle ist in der Zwischenzeit zum zotteligen Alkoholiker verkommen, der aus Bierbüchsen kleine Figuren bastelt. Der Grund für die Befragung ist schnell ersichtlich. Denn eine Leiche nach identischem Muster wurde gefunden. Nur wie kann das sein, wenn der Täter damals gestellt wurde?

Neben der akribischen Spurensuche konzentrieren sich Pizzolatto und Regisseur Cary Fukunaga („Jane Eyre“) auf die quasi-zerrütteten Anti-Helden. Hart ist ein gläubiger Familienvater, der als Erfolgsgeheimnis seiner funktionierenden Ehe Seitensprünge ausgemacht hat. Die zwangsläufige Entfremdung von Gattin Maggie (Michelle Monaghan, „Gone Baby Gone“) will er sich darüber aber nicht eingestehen. Der unlängst nach Louisiana versetzte Cohle ist ein misanthropischer Zweifler, für den das Sein kaum mehr als eine unglückliche evolutionäre Fügung ist. Von den Kollegen wird er ob des stets mitgeführten Notizbuches spöttisch „Tax Man“ gerufen. Seine Fähigkeit als Ermittler ist rasch bekannt. Mit Ausnahme von Hart ist trotzdem niemand bereit mit dem arrogant wirkenden und emotional traumatisierten Intellektuellen zusammenzuarbeiten.

Action, geschweige denn konventionelle Spannungsmomente gibt es kaum. So abgründig wie vielschichtig trifft Charakter-Drama auf Psycho-Thriller. Dabei belassen die Macher den Zuschauer lange im Unklaren, wohin die Reise eigentlich geht. Die Übergänge zwischen den verschiedenen Genre-Motiven sind fließend und Nebendarsteller wie Shea Whigham („Boardwalk Empire“) sorgen für konstant hochkarätige Schauspielleistungen. Vorhersehbar ist an „True Detective“ erfreulich wenig, zu makellos vollzieht sich die stets aufs Wesentliche fokussierte Verknüpfung von vielschichtigen Figuren und stets glaubhafter Dimensionierung (einschließlich kritisch politischer Note) des Falles. Dessen wahre Ausmaße werden, resultierend aus der kathartischen Besessenheit Cohles, erst in der Gegenwart des Jahres 2012 offenbar.

Um die gesamte Tiefe der ersten Staffel zu erschließen, empfiehlt sich die wiederholte Rezeption. Und das nicht allein aufgrund von McConaugheys Nuschelakzent im englischen Original. Dass vor allem seine Figur für die Lösung des Falles keine Entbehrung scheut, zeigt der inhaltlich zunächst aus dem Rahmen fallende Undercover-Einsatz im Rocker-Milieu. Dessen Konklusion im Armenviertel trägt zwar wenig zum Erkenntnisgewinn bei, unterstreicht aber die visuelle Brillanz, mit der Regisseur Fukunaga den Serienauftakt veredelt. Das fast schon geradlinig nervenzerrende Finale in beeindruckend verkommenen Kulissen im sumpfigen Nirgendwo, bringt die Geschichte zu einem würdigen Abschluss. Im Stile von „American Horror Story“ ist auch „True Detective“ als Anthologie angelegt. Nach diesem fulminanten und überraschend anspruchsvollen Startschuss mit Arthouse-Flair darf man gespannt sein, mit welchen Ideen (und großen Namen) das Konzept fortgesetzt wird.

Wertung: (10 / 10)

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