Tödliche Versprechen – Eastern Promises (USA/CDN/GB 2007)

eastern-promisesWenn ein neues Werk von David Cronenberg erscheint, steht die Filmwelt stramm. Cineasten freuen sich wie kleine Kinder, Kritiker wetzen die Messer oder stehen vor Begeisterung Spalier, für einen der herausragenden Filmemacher der letzten 25 Jahre. Für viele mögen die Filme von Cronenberg nicht griffig erscheinen, bedient er doch mehr eine kleinere Klientel, die sich mit den Visionen des Meisters abseits des Mainstream zu beschäftigten weiß.

In einer verregneten Nacht mitten in London bricht ein verstört wirkendes junges Mädchen in einer Apotheke zusammen. In einer Notoperation kann man das Kind der Hochschwangeren retten, sie selbst überlebt die Nacht nicht. Die Krankenschwester Anna (Naomi Watts, „King Kong”) kümmert sich betroffen um das Kind und findet ein kleines Tagebuch in den wenigen persönlichen Gegenständen der Unbekannten. Dort entdeckt sie die Visitenkarte eines russischen Restaurants, welches sie gleich in der Hoffnung aufsucht, dort Angehörige der Verstorbenen finden zu können. Stattdessen gerät sie an den hiesigen russischen Unterweltboss Semyon (Amin Müller-Stahl, „Avalon”), der für sie das in Russisch geschriebene Buch übersetzen möchte.

Dieser erhält jedoch lediglich eine Kopie, das Original gibt sie ihrem Onkel Stephan (Jerzy Skolimowski), der ebenfalls beginnt, die Aufzeichnungen zu deuten. Schnell stellt sich heraus, dass Semyon selbst, als auch sein Sohn Kirill (Vincent Cassel, „Pakt der Wölfe”) etwas mit der Vergangenheit der Toten zu tun haben. Kirill wiederum ist darum bemüht, seinen Freund Nikolai (Viggo Mortensen, „Der Herr der Ringe”), einem Mann fürs Grobe, bei seinem Vater in der Organisation unterzubringen. Als sich Anna – der Gefahr durchaus bewusst – weiter und weiter mit Semyon und seinen Machenschaften beschäftigt, gerät sie zunehmend in Gefahr.

Mit „Tödliche Versprechen“ lässt es Cronenberg noch gemächlicher angehen, als bei seinem letzten Film „A History of Violence“. Langsam führt er die verschiedenen Charaktere ein, wer dabei auf welcher Seite steht, ist eigentlich schnell zu erkennen. Auch wenn dies noch nicht offen ausgesprochen wird, Cronenberg versucht erst gar nicht den Zuschauer zu verwirren. An Spannung verliert der Film dadurch nicht, schließlich weiß man nie, was man noch vorgesetzt bekommt. In einer der ersten Szenen zumindest einen schnell über den Zuschauer hereinbrechenden Gewaltakt, sicherlich nicht untypisch für den Filmemacher. Insgesamt aber war der Vorgänger brutaler, wobei die hier schon fast berühmte Badehausszene mehr als hart wirkt – zugleich aber auch unglaublich faszinierend und intensiver als alles, was beispielsweise der schon beachtliche „A History of Violence“ zu bieten hatte.

Abermals arbeitet das Duo Cronenberg/Mortensen nach „A History of Violence“ zusammen. Mortensen scheint bei Cronenberg endgültig aufzugehen. Intensiver als er kann man seine Figur wohl nicht spielen. Er scheint die düstere Atmosphäre schier aufzusaugen und wird Teil von ihr. Eine nicht minder überzeugende Darbietung liefert Armin Müller-Stahl ab. Den Hintergrund seines Charakters mag man ihm mit seiner hier behäbigen, ruhigen Art gar nicht zutrauen. Vincent Cassell spielt wie so häufig einen impulsiven Charakter und ist so etwas wie das emotionale Gegenstück zu Mortensen und Müller-Stahl. Naomi Watts hat da fast den undankbaren Part des schwächsten Glieds in der Nahrungskette. Allerdings weiß sie neben ihren männlichen Kollegen zu bestehen, wirkt ihre Figur zwangsläufig in der kalten Umgebung am greifbarsten und vielseitigsten, da sie die meisten Emotionen zeigen darf und muss.

Die Geschichte steht für Cronenberg nicht einmal unbedingt im Vordergrund. Es sind vor allem seine Figuren, denen er die größte Zeit widmet. Es sind die Eigenarten und Riten einer eigenen Gesellschaft, der Umgang miteinander, ob freundschaftlich, familiär oder feindselig. In einer trostlosen Umgebung, man fühlt sich wirklich mehr an Moskau als an London erinnert, setzen die Macher komplett auf eine bedrohliche, kalte Atmosphäre. Das man ausschließlich Nicht-Russen als Russen ausgewählt hat, wird auf den ersten Blick verwundern, fällt aber eigentlich gar nicht auf, denn selbst dem Franzosen Cassel nimmt man seine Herkunft spielend ab. Perfekt bebildert, kühl inszeniert, mit „Tödliche Versprechen“ fügt Cronenberg seiner Vita ein weiteres Highlight hinzu. Spätestens dann, wenn die letzte Klappe fällt. Der Mann weiß einfach, wie ein Film enden muss.

Wertung: 8 out of 10 stars (8 / 10)

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