Thumbsucker (USA 2005)

thumbsuckerDer Schritt vom Musikvideo- zum Filmregisseur ist ein denkbar kleiner. Hollywood ist voll solcher Karrieresprünge, obgleich nur die wenigsten ins Heil der kreativen Selbständigkeit führen. Das garantiert, wenn schon kein Millionenpublikum, der Independentfilm. Spike Jonze („Adaptation“) und Michel Gondri („Vergiss mein nicht“) gelang auf diesem Weg der Anschluss an den Mainstream. Mit „Thumbsucker“ folgt auch Mike Mills, der in der Musikbranche unter anderem für Moby, Air und Pulp inszenierte, dem Ruf tiefsinniger Unterhaltung. Das Drehbuch seines Spielfilmdebüts schrieb er gleich dazu.

Im Mittelpunkt steht der 17-jährige Justin (Lou Taylor Pucci, „Southland Tales“), der auf den ersten Blick wie ein ganz normaler Teenager scheint. Probleme mit den Eltern, Probleme in der Schule, Probleme mit dem weiblichen Geschlecht. Den Unterschied macht die Angewohnheit, am Daumen zu lutschen. Sie ist nicht das zentrale Thema des Films, wohl aber der Ausschlag für einschneidende Veränderungen in der persönlichen Entwicklung des Jungen. Die Identitätsfindung vollzieht sich über den Wunsch medikamentöser Behandlung. In der Folge kann Justin den Daumen ignorieren und avanciert zum Star des schulischen Debattierclubs. Verringert werden die Probleme damit allerdings nicht.

Hauptdarsteller Lou Taylor Pucci, der die balladeske Coming of Age-Geschichte mit erstaunlicher Souveränität trägt, wird bei seiner rastlosen Suche nach dem Schlüssel zum Erwachsenwerden von einer Riege großartiger Schauspieler begleitet. Tilda Swinton („Broken Flowers“) klammert sich als Justins Mutter an den Wunsch einer heilen Familie und hegt anbei die heimliche Zuneigung zu einem drogenabhängigen TV-Star (Benjamin Bratt, „Pinero“). Der Vater (Vincent D’Onofrio, „Lost Heaven“), noch immer mit einer Sportverletzung hadernd, die seine Karriere als Footballprofi verhinderte, setzt im Gegensatz zu seiner Frau alles daran, den Spross von seiner kindischen Angewohnheit abzubringen.

Mit subtilem, mitunter satirisch angehauchtem Humor und dramaturgischer Zurückhaltung setzt Mike Mills mehr auf nüchterne Alltagsbetrachtung denn klassisches Erzählkino. Umso ernüchternder fällt das Fazit des Films aus: Sei, was du bist. Der Weg zur Erkenntnis, dass es keine Antworten auf die W-Fragen des Lebens gibt, ist steinig. Für Justin führt er über die unerfüllte erste Liebe, den Kontakt zu Marihuana und den finalen Wunsch, das Elternhaus zu verlassen. Wegsteine dieser stets ehrlichen, in Sachen Skurrilität überraschend zurückhaltenden Daseinsreflexion, sind die stark besetzten Nebendarsteller Keanu Reeves („Matrix“) und Vince Vaughn („Die Hochzeits-Crasher“). Die Botschaft mag simpel erscheinen. Doch verhilft ihr gerade diese optimistische Einfachheit zu verdientem Recht.

Wertung: (8 / 10)

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