Thrice – Palms (2018, Epitaph Records)

Es ist als Band vergleichsweise einfach, ein Album zu schreiben, das einen roten Faden hat. Die Gefahr bei der Sache ist allerdings schnell, dass Dinge eintönig werden. Ein Album zu schreiben, das vor Abwechslung nur so überläuft, ist da schon schwieriger. Wenn sich allerdings Ska-Nummern neben Black-Metal-Songs gesellen, wird es irgendwann nahezu unmöglich, als Band ein eigenes Profil zu entwickeln. Ein Album zu schreiben, das einen inneren Zusammenhang aufweist, bei dem aber jeder Track überraschen kann, ist die Königsdisziplin. „Palms“ ist Königsdisziplin hoch zwei.

Nachdem man beim Vorgänger „To Be Everywhere Is to Be Nowhere“ das Gefühl hatte, dass THRICE sich im Songwriting auf den Kern des eigenen Schaffens besonnen haben, nutzt das neueste Album des Quartetts aus Irvine diese Basis als Startrampe, um die eigene Diskographie in komplett neue Sphären zu katapultieren. Angefangen beim bereits vorab veröffentlichten Opener „Only Us“ wird klar, dass sich THRICE 2018 auf neues Terrain bewegen. Gleich zu Beginn des Albums schlägt dem Hörer eine an das Opening von „Stranger Things“ angelehnte Synthie-Melodie entgegen, aus der sich eine eindringliche Midtempo-Nummer entwickelt, über die Frontmann Dustin Kensrue die derzeitige soziokulturelle Lage der US-amerikanischen Gesellschaft und ihrer tiefen Spaltung thematisiert.

Weitere Überraschungen bieten unter anderem das unglaublich atmosphärische „Everything Belongs“ oder das extrem an FEEDER erinnernde „Hold Up a Light“. Dazwischen immer wieder eindringliche Rocknummern wie „The Grey“ oder „A Branch In the River“. Und immer wieder der Gedanke „Von dieser Seite kannte ich THRICE noch gar nicht, das habe ich nun wirklich nicht kommen sehen“. Und immer wieder Faszination: Für das unglaublich versierte und abwechslungsreiche Songwriting, die innovativen Ideen zum Einsatz neuer Effekte oder Instrumente und die immense emotionale Bandbreite eines Albums, das mit nur zehn Songs auskommt.

Doch die kreative Artenvielfalt auf „Palms“ erschöpft sich nicht in den Songs: Auch die Produktion des Albums ist mindestens einer Erwähnung wert. Obwohl die Retro-Anleihen des Sounds fast schon Reminiszenzen an die Ära der BEATLES aufweisen und teilweise rummsen, knarzen oder scheppern, ist doch jedes Instrument nahezu jederzeit glasklar zu hören. Am speziellen Sound von „Palms“ werden sich vermutlich die Geister scheiden, aber klar ist zumindest, dass die Produktion der Platte einen ganz eigenen Charakter mit auf den Weg geben kann.

Und um mich zum Abschluss noch etwas aus dem Fenster zu lehnen und den ein oder anderen Leser vor den Kopf zu stoßen: „Palms“ von THRICE ist letztendlich das bessere „Science Fiction“ von BRAND NEW. Ein Album, auf dem alle Fäden perfekt zusammenlaufen und gleichzeitig einer der absoluten Höhepunkte der Diskographie von THRICE im Speziellen und zeitgenössischer Rockmusik im Allgemeinen.

Wertung: (9,5 / 10)

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