The Tunnel – Die Todesfalle (N 2019)

Seit den 1970ern, der Ära von „Airport“ (1970), „Flammendes Inferno“, „Erdbeben“ (beide 1974) & Co., haben Katastrophenfilme einen festen Platz in der Kinolandschaft. Mitte der Neunziger erlebte das Genre ein kurzzeitiges Revival (siehe u. a. „Twister“, 1996). Seitdem werden Länder und Leute nur noch sporadisch von folgenschweren (fiktiven) Unglücken heimgesucht. Das Gros der internationalen Produktionen folgt dabei aber noch immer jenem bewährten, von den einleitenden Vorreitern etablierten Regel- und Klischeekatalog.

Doch es gibt Ausnahmen. Eine ist die norwegische Produktion „The Tunnel“, die den Vorreitern „The Wave“ (2015) und „The Quake“ (2018) die Erweiterung zur nordischen Katastrophen-Trilogie beschert. Auch in der sorgen familiäre Zwistigkeiten dafür, dass der Rettungseinsatz emotional sattsam unterfüttert wird. Im Gegenzug rückt Regisseur Pål Øie („Villmark“) die Figuren in den Mittelpunkt und setzt aufgebauschte Actionszenen lediglich mit Bedacht ein. Buchstäblich befeuert werden diese durch den einleitend eingeblendeten Hinweis darauf, dass die rund 1.100 norwegischen Autobahntunnel nicht über ausreichende Notausgänge verfügen.

Als ein Tanklaster in einem solchen Tunnel verunfallt und Feuer fängt, ist der kernige Dorf-Feuerwehrmann Stein (Thorbjørn Harr, „Vikings“) nebst Kollegen sofort zur Stelle. Verstärkung lässt aufgrund des eisigen Wetters auf sich warten, doch als er erfährt, dass sich auch Tochter Elise (Ylva Fuglerud) im von giftigem Rauch erfüllten Katastrophenzentrum befindet, gibt es für Stein kein Halten mehr. Nach dem Tod der Mutter fällt es der jungen Frau schwer, Ingrid (Lisa Carlehed, „The Rain“) als neue Partnerin an der Seite ihres Vaters zu akzeptieren. Ergo ist sie nach einem Streit getürmt und in den nächsten Bus gen Oslo gestiegen. Mit der erwartbaren Konsequenz eines abrupten Fahrtendes durch den verheerenden LKW-Brand.

Wo Hollywood-Produktionen dramaturgisch meterdick aufgetragen hätten, bemüht sich Øie um eine bodenständige Auserzählung der Geschichte. Die Genre-typische Riege flüchtig eingeführter Schicksalsgenoss*innen bleibt auf ein Minimum beschränkt und Steins Heroismus wird lediglich durch die Suche nach zwei vermissten Kindern zusätzlich angefacht. Dass ausgerechnet Ingrid entscheidend zu Elises (und Steins) Rettung beitragen darf, liegt in der Natur des Happy Ends. Doch die Figuren sind in „The Tunnel“ zumindest partiell plastischer ausgestaltet als in den meisten US-Produktionen – siehe Notruf-Telefonistin Andrea (Ingvild Holthe Bygdnes, „Monster“). An den spektakulärer gefertigten Hollywood-Erzeugnissen muss sich dieser weitgehend gelungene Euro-Beitrag daher auch nur bedingt messen lassen.

Wertung: 6.5 out of 10 stars (6,5 / 10)

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