The Toxic Avenger – Atomic Hero (USA 1985)

the-toxic-avenger„You idiot, see what you did. You stressed Bozo.”

Bei Amerikas Billig-Schmiede Nr. 1 – TROMA, Inc. – ist Dilletantismus Programm und Spaß weit vor Kompetenz oberste Prämisse. Unter dem ungeschriebenen Leitsatz „Let’s make some Art!“ veröffentlichen Firmenchef Lloyd Kaufman und Vizepräsident Michael Herz seit mehr als drei Jahrzehnten (h)ausgemachte Billig-Filmchen für hartgesottene Trash-Fans. Neben den vornehmlich vertriebenen Eigenproduktionen – mit solch illustren Titeln wie „Igor and the Lunatics “, „Dialing for Dingbats“ oder „Blondes Have More Guns“ – ergatterte TROMA aber auch die Verleihrechte an schundigen Filmen außerhalb des eigenen Wirkungskreises. Der bekannteste Vertreter dieser Art ist wohl die umstrittene – und hierzulande seit 2002 bundesweit beschlagnahmte – Geschmacklosigkeit „Bloodsucking Freaks“ (1976) von Joel M. Reed.

Mit minimalem Budget und meist abenteuerlichen Produktionsbedingungen entstanden unter Mitwirkung von Kaufman und Herz bis heute mehr als 40 Filme, davon ausgenommen noch all jene, deren Vertriebsrechte sich das Erfolgsduo im Laufe der Jahre sicherte. Ihren bislang größten Erfolg erntete das Gespann 1985 mit der Einführung des „Toxic Avenger“, TROMAs rüder Antwort auf die Superhelden dieser Welt – und der erste seiner Art aus New Jersey! Bei Produktionskosten von weniger als 500.000 Dollar erwirtschaftete der Streifen mehr als das zwanzigfache seines Budgets – ein sensationeller Erfolg, der die Schmuddelfilmschmiede über Nacht zur Kultstätte avancieren ließ und Tromaville, New Jersey, als offizielle Hauptstadt des Fließband-Trashs etablierte.

Die Industrie der Ostküstenmetropole New York verursacht Unmengen von toxischen Abfallprodukten, die vorzugsweise im Nachbarort Tromaville endgelagert werden. Dabei ist Amerikas beliebteste Giftmüllhauptstadt eine Ortschaft wie jede andere auch: Der fettleibige Bürgermeister (Pat Ryan, „Street Trash“) platzt vor Korruption, der Polizeichef („Shrek 2“-Autor David N. Weiss) ist ein zackiger Nazi und die Mitglieder des „Tromaville Health Club“ sind eine lüsterne Bande mordgieriger Psychopathen. Der unterbelichtete Melvin Junko (Mark Torgl, „The First Turn-On!“) verdingt sich als Putzkraft in jenem – von muskulösen Proleten bevölkerten – Fitnessstudio. Als die Clique des cholerischen Bozo (Gary Schneider, „Class of Nuke ‘Em High“) dem verhassten Jungen einen erniedrigenden Streich spielt, flüchtet Melvin vor dem Gelächter seiner Peiniger kopfüber aus einem Fenster – mitten hinein in ein Fass voller chemischer Abfälle.

Nach dem unfreiwilligen Bad in toxischem Giftmüll verwandelt sich der minderbemittelte Mob-Boy in einen hünenhaften Helden (Mitch Cohen, „Clerks“) – „a hideously deformed creature of superhuman size and strength“ – und sagt in der Folge Verbrechen und Ungerechtigkeit mit übermenschlicher Kraft den Kampf an. Als Melvin in den Verdacht gerät, ein kaltblütiger Killer zu sein, rückt dem deformierten Rächer die Nationalgarde zu Leibe. Nur gut, dass sich die blinde Sara (Andree Maranda), Geliebte des monströsen Gutmenschen, vor ihn stellt.

Vom Hitlergruß vollführenden Polizeichef bis zur Prügel beziehenden Großmutter ist „The Toxic Avenger“ politisch absolut unkorrekter wie subversiver Scheißdreck, bei dem auch gern mal ein radelndes Kind – und besonders dessen Kopf – unter die Räder eines fahrenden Autos gerät. Für TROMA-Verhältnisse geradezu sensationell in Szene gesetzt, ist der comichafte Splatter-Ulk maßlos trivialer Schund mit gewalt(tät)igem Kultpotential. Hier wird um jeden Preis die Grenze des schlechten Geschmacks überschritten – wenn es sein muss auch in ätzend grüner Farbe darauf gepisst.

Natürlich sind die Schauspieler schlecht, die Story hirnverbrannt, der Humor krude und die wüsten Splatter-Effekte elend billig – aber hier geht es schließlich um TROMA, da haben Fassbinder & Co Hausverbot. Ähnlich sah es wohl seinerzeit auch der deutsche Verleiher Ufa, der „The Toxic Avenger“ 1987 unter dem Titel „Atomic Hero“ in einer um satte elf Minuten gekürzten Fassung in die Kinos brachte. Im Zeitalter des Mediums DVD braucht man sich um solche Patchwork-Problemfälle der Bundesprüfstelle aber keine Gedanken mehr zu machen, wurde der Film doch auch in Deutschland längst in unzensierter Fassung veröffentlicht.

Der übermütige Mix aus Trash-Komödie und Revenge-Actioner hat in seiner darstellerischen Unbedarftheit durchaus nennenswertes zu verzeichnen: Das Gesicht des passionierten Kugelfangs Patrick Kilpatrick („Mit stählerner Faust“, „Last Man Standing“, „Replacement Killers“) wird erst mit Eis, Schlagsahne und einer Kirsche garniert, bevor ein elektrischer Rührstab im Mundraum garstiges anstellt. Nicht mal auf eine Nennung in den Credits bringt es die spätere Oscarpreisträgerin Marisa Tomei („Mein Vetter Winnie“, „Alfie“), die einzig mit einem Handtuch bekleidet einen kurzen Schrei des Entsetzens ausspucken darf.

Wer sich um Hollywoods Hochglanzproduktionen einen Dreck schert, bekommt mit „The Toxic Avenger“ ein Trash-Perlchen sondergleichen aufgetischt. Die von Lloyd Kaufmann und Michael Herz nicht nur produzierte, sondern im Kollektiv auch inszenierte – im Falle von Kaufmann allerdings unter dem Pseudonym Samuel Weil – Giftmüll-Satire ist bis heute das ätzende Aushängeschild TROMAs – ein allen Regeln der Kunst trotzendes Schmalspur-Meisterwerk mit festem Platz in den Annalen des Kinos. Verdient hat sich der Film diesen Tribünenplatz nicht zuletzt durch seine märchenhaften Züge. Denn am Ende ist Melvin the Monster der strahlende Recke in verseuchter Rüstung – weil er dem Bürgermeister unter Beifall der Menge die Gedärme aus dem fetten Leib reißt. Kerle wie ihn findet man heutzutage eben nicht mehr allzu häufig. Schade eigentlich!

Wertung: (7 / 10)

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