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The Sixth Sense (USA 1999)

11. März 2026· von Thomas8.0 / 10
The Sixth Sense (USA 1999)

„I see dead people.“ – Ein (Film-)Zitat für die Ewigkeit: Cole

Der Hype kam plötzlich. Mystery-Horror, vorher eher ein Genre für ein Nischenpublikum, war auf einen Schlag salonfähig. Schuld trug – neben der clever beworbenen Found-Footage-Sensation „The Blair Witch Project“ (ebenfalls 1999) – M. Night Shyamalans Genre-Triumphzug „The Sixth Sense“. Der mit verhältnismäßig kleinem Budget realisierte Thriller schlug ein wie eine Bombe, spielte allein in den USA mehr als 290 Millionen Dollar ein, erhielt sechs Oscar-Nominierungen und spornte unzählige Nachahmer an, das Publikum das Fürchten zu lehren. Die Besonderheit: Shyamalans Durchbruch erzeugt nicht allein Gänsehaut, sondern funktioniert auch als Drama ausgezeichnet. Nicht zuletzt aufgrund des cleveren finalen Twists, den seinerzeit wahrlich kaum jemand kommen sah.

Der neunjährige Cole Sear (großartig und zurecht Oscar-nominiert: Haley Joel Osment, „Das Streben nach Glück“) hat ein Problem: Er sieht tote Menschen. Die Gabe ist ein Fluch, den er mit seiner alleinerziehenden Mutter Lynn (Toni Collette, „About a Boy“) nicht teilen kann. Also vertraut er sich dem Psychologen Malcolm Crowe (arbeitete mit Shyamalan im Anschluss auch bei „Unbreakable“ und „Glass“ zusammen: Bruce Willis) an. Der ist selbst traumatisiert, seit er von einem ehemaligen Patienten (Donnie Wahlberg, „Dreamcatcher“) angeschossen wurde. Gemeinsam gehen die beiden fremd in der Welt wirkenden Individuen Coles besonderer Fähigkeit auf den Grund. Dabei wird bald klar, dass die ruhelosen Seelen – darunter auch die damals noch unbekannte Mischa Barton („The O.C.“) in einer kleinen Nebenrolle – den Jungen heimsuchen, um ihr irdisches Sein durch letzte Taten oder Botschaften zu beschließen.

Der Junge wird damit zum Helfer der Verstorbenen. Bereits mit dieser quasi-humanistischen Prämisse distanziert sich Shyamalan vom Standard des Horrorfilms. Nur ist das keineswegs gleichbedeutend mit einem Mangel an Gänsehautmomenten. Durch die geschickte Kameraführung und die bewusst zurückhaltende Inszenierung egalisiert Shyamalan, dass von den Geistern im Grunde keine unmittelbare Gefahr ausgeht. In den Mittelpunkt rückt daher unweigerlich das ungleiche Duo aus Kind und Psychiater, die einander helfen, das eigene Schicksal besser erfassen zu können. Gerade darin liegt letztlich auch die große Stärke des Films. „The Sixth Sense“ funktioniert weniger als klassischer Gruselfilm denn als melancholische Charakterstudie über Einsamkeit, Schuld und verdrängte Traumata. Dabei schleichen sich die Gänsehautmomente nicht durch plakative Effekte in die Bilder hinein, sondern durch eine ungewöhnliche Ruhe.

Hinzu kommt die bemerkenswerte Ernsthaftigkeit, mit der der Regisseur seine Figuren behandelt. Weder Cole noch Malcolm werden zu simplen dramaturgischen Werkzeugen degradiert. Besonders Osment trägt den Film mit einer erstaunlich natürlichen Performance. Willis wiederum fährt seine sonst so markante Leinwandpräsenz spürbar zurück und verleiht dem Psychologen eine beinahe erschöpfte Zerbrechlichkeit. Dass zwischen beiden eine glaubwürdige emotionale Verbindung entsteht, bildet das eigentliche Fundament des Films – der finale Twist wäre ohne diese Bindung kaum mehr als ein cleverer Taschenspielertrick geblieben.

Rückblickend bleibt „The Sixth Sense“ der Ausgangspunkt für Shyamalans späteres Schaffen, inklusive wiederkehrender Motive wie gebrochene Figuren, spirituelle Fragestellungen, fragile Familienstrukturen und die Lust am narrativen Perspektivwechsel. Kaum einer seiner späteren Filme erreichte allerdings noch einmal diese bemerkenswerte Balance aus Mainstream-Zugänglichkeit und atmosphärischer Präzision. Dass der Twist mittlerweile längst Allgemeingut geworden ist, schmälert die Wirkung des Films dabei erstaunlich wenig. Denn selbst ohne seine berühmte Auflösung bleibt „The Sixth Sense“ ein emotional  nahbarer und trotzdem durchweg spannender Vertreter des Mystery-Kinos.