The Missing (Series 2) (UK/USA/F/B 2016)

Kaum eine Serie der jüngeren Vergangenheit ließ den Zuschauer bedrückter zurück als „The Missing“. Insbesondere für Eltern erschien die Jahre umspannende Enthüllung des Schicksals des kleinen Oliver Hughes wie ein Schlag in die Magengrube. Für Harry und Jack Williams („Liar“), die kreativen Köpfe hinter dem erfolgreichen britischen Fernsehformat, war damit aber längst nicht Schluss. Erzählt wird in Staffel zwei jedoch eine gänzlich andere Geschichte. Als verbindendes Element bleibt der französische Ex-Polizist Julien Baptiste (Tchéky Karyo, „Taking Lives“) bestehen, der den verdienten Ruhestand neuerlich unterbricht, um Licht in einen ungelösten Fall von Kindesentführung zu bringen. Nur geht es diesmal weniger ums Verschwinden eines Menschen, als vielmehr um dessen Rückkehr.

In der fiktiven niedersächsischen Kleinstadt Eckhausen (die häufig wenig mit der Region um Hannover gemein hat) bricht eine entkräftete junge Frau auf einem Weihnachtsmarkt zusammen. Es ist die elf Jahre zuvor von einem Unbekannten verschleppte Alice Webster (Abigail Hardingham, „Will“), Tochter des in Deutschland stationierten englischen Soldaten Sam (David Morrissey, „The Walking Dead“) und der Lehrerin Gemma (Keeley Hawes, „Ashes to Ashes“). Im Krankenwagen spricht sie im Dämmerzustand einen weiteren Namen aus: Sophie Giroux. Auch sie wurde entführt, fast zeitgleich mit Alice. Leitender Ermittler des Falles: Julien Baptiste. Als er von Eve (Laura Fraser, „Breaking Bad“), der ebenfalls in Eckhausen stationierten Tochter des hochrangigen Offiziers Adrian Stone (Roger Allam, „Parade’s End“), kontaktiert wird, bricht er unverzüglich ins Nachbarland auf. Immerhin gab er Sophies Eltern einst das Versprechen, das Mädchen zu finden.

Vor Ort kommen Julien jedoch rasch Zweifel. Ist die junge Rückkehrerin wirklich Alice Webster? Auch Gemma scheint nicht vollends überzeugt. Das führt zu Spannungen mit Sam, bei dem Freude und Erleichterung überwiegen. Von langer Dauer ist das unverhoffte Wiedersehen allerdings nicht. Denn Alice, so offenbaren es die neuerlich parallel erzählten Zeitebenen, nimmt sich noch vor Weihnachten, nur kurze Zeit nach ihrer Rückkehr, das Leben. Zuvor wird ein lokaler Fleischer als vermeintlicher Täter inhaftiert, dessen Frau (Lia Williams, „The Crown“) früher selbst beim britischen Militär war. Allmählich Licht ins Dunkel bringt Julien erst zwei Jahre später, als er, von einem Hirntumor gezeichnet und von Halluzinationen geplagt, mit Unterstützung des deutschen Polizisten Jorn Lenhart (Florian Bartholomäi, „Deutschland 83“) neuen Spuren nachgeht.

Eine führt den störrischen Todkranken, der sich zum Unwill seiner Gattin Celia (Anastasia Hill, „The Tunnel“) der notwendigen ärztlichen Behandlung verweigert, um den Fall zu lösen, gar in den Irak. Mit Hilfe des ortskundigen Stefan Andersen (Ólafur Darri Ólafsson, „The Last Witch Hunter“) dringt er bis ins IS-Kriegsgebiet vor, um den untergetauchten Sohn eines durch Selbstmord aus dem Leben geschiedenen britischen Soldaten zu befragen. Noch vor der abermals komplexen, zeitlich überlappend erzählten Spurensuche – die acht Episoden inszenierte Ben Chanan („Cyberbully“) – stehen jedoch auch bei Staffel zwei der Erfolgsserie die persönlichen Dramen und Verstrickungen im Zentrum: die Zerrüttung der Familie Webster, die neben Sams Brandnarben auch durch den sozialen Niedergang von Sohn Matthew (Jake Davies, „Beneath the Skin“) äußerlich erkennbar wird, das Rennen des wie besessen agierenden Julien gegen die schwere Krankheit oder Eves Affäre mit Sam.

Die bohrenden Fragen des verbissenen Ermittlers sind auch die des Zuschauers. Was weiß der an Demenz leidende Adrian Stone? Was geschah 1991 im Irak? Was wurde aus Alices Kind? Und welche Bedeutung hat der militärische Presseverantwortliche Adam Gettrick (Derek Riddell, „The Book Group“)? Trotz einiger Parallelen zur Auftaktstaffel gelingt es den Machern, eine eigenständige und stets glaubhafte Geschichte mit veränderter Tonalität und zu entwickeln. Getragen wird die vom wiederum groß aufspielenden Tchéky Karyo. Er ist das Moment des beständigen Zweifels, dessen Beharrlichkeit auch diesmal zu einer Enthüllung der Hintergründe führt, die alte Wunden schließt und neue öffnet. So deprimierend wie bei Juliens erstem Einsatz fällt die Auflösung zwar nicht aus, ungeachtet der geringfügig abfallenden Intensität ist „The Missing“ aber auch im zweiten Anlauf großartige Thriller-Kost zwischen Suspense und Anspruch.

Wertung: (8 / 10)

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