The Missing (Series 1) (GB/USA/F/B 2014)

Es ist der Alptraum aller Eltern: Bei einem Familienurlaub verschwindet das Kind des britischen Ehepaars Emily (Frances O’Connor, „Mr Selfridge“) und Tony Hughes (James Nesbitt, „Der Hobbit“) spurlos. Eigentlich wollten die beiden mit ihrem fünfjährigen Sohn Oliver (Oliver Hunt) in Frankreich Ruhe und Entspannung finden. Eine Autopanne zwingt sie jedoch zur Zwischenstation in einer nordfranzösischen Kleinstadt. Am Abend, nach einem Besuch des nahen Freibads, verliert Tony den Jungen in einer Menschenmenge kurz aus den Augen. Der Beginn einer quälenden, über acht Jahre andauernden Zerrüttung.

„The Missing“ ist eine TV-Serie, die an die Substanz geht. Man muss nicht selbst Kinder haben, um die Pein der hilflosen Eltern schmerzlich nachvollziehen zu können. Die von Harry und Jack Williams („One of Us“) entwickelte und gleichsam geschriebene Geschichte springt in der Zeit vor und zurück. 2006, während in Deutschland die Fußball-Weltmeisterschaft ausgetragen wird, beginnt die fieberhafte Suche nach Oliver. 2014 reist Tony zurück nach Frankreich, um endlich Antworten und Erlösung zu finden. Auf dieser Basis legt Regisseur Tom Shankland („The Children“), der alle acht Episoden des packenden Thriller-Dramas inszenierte, falsche Fährten und heizt die Spannung versiert an.

Als leitender Ermittler wird der erfahrene Julien Baptiste (Tchéky Karyo, „Mathilde – Eine große Liebe“) eingesetzt. Er unterstützt Tony auch nach seiner Rückkehr, aus der Rente heraus. Dass der Fall selbst an ihm nicht spurlos vorübergegangen ist, wird bereits durch sein im Einsatz lädiertes Bein veranschaulicht. Die große Stärke der Reihe liegt in der famosen Besetzung. Neben Karyo, der 2016 für eine zweite Staffel zurückkehrte, begeistert vor allem Nesbitt. Er spielt als gebrochener Getriebener groß auf und kehrt die Tragik der Erzählung brillant nach außen. Nicht minder erwähnenswert bleibt O’Connor. Im Gegensatz zum aufbrausenden Tony versucht ihre Emily jedoch, die Vergangenheit ruhen zu lassen.

Dass die Ehe der beiden zerbrochen ist, offenbart sich früh. 2014 steht Emily kurz vor der Vermählung mit dem Polizisten Mark Walsh (Jason Flemyng, „Stonehearst Asylum“), der nach Olivers Verschwinden als englischer Verbindungsbeamter berufen wird. Während sich Tony Schuldgefühlen und Alkoholismus hingibt, wagt sie den Schritt zurück zur Normalität. Doch auch Emily muss irgendwann erkennen, dass Tonys selbstzerstörerische Obsession tatsächlich in die Entdeckung neuer Spuren mündet. Dass deren Entschlüsselung bisweilen dezent  konstruiert ausfällt und manche ins Nichts führende Nebenhandlung samt angeflanschter Einzelschicksale ein wenig zu breit ausgewalzt erscheint, mindert die Klasse der Serie keineswegs.

Was weiß der polizeibekannte Pädophile Vincent Bourg (Titus De Voogdt, „Camp Evil“)? Welchen Anteil hat ein osteuropäischer Menschenhändlerring? Was verschweigt der vom skrupellosen Journalisten Malik Suri (Arsher Ali, „Beaver Falls“) erpresste Ermittler Khalid Ziane (Saïd Taghmaoui, „Touch“)? Und welche Agenda verfolgt der gönnerhafte Architekt Ian Garrett (Nesbitts „Hobbit“-Kollege Ken Stott)? Die Beantwortung dieser Fragen braucht Zeit und fesselt insbesondere, weil die Entwicklung der Figuren fast mehr Raum einnimmt als die Enträtselung von Olivers Verbleib. Die so konsequent wie schockierend bitter formulierte Auflösung ist das Sahnehäubchen eines herausragenden TV-Formats, das in seiner Gesamtbetrachtung weder Protagonisten noch Zuschauer schont. Trotz kleiner dramaturgischer Schwächen eine weitere hochkarätige Thriller-Serie von den britischen Inseln.

Wertung: (8 / 10)

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