The Freeze – Freak Show (1995, Lost and Found Records)

thefreezefreakshowDem Begriff kreativer Institution folgt meist ein schaler Beigeschmack. Ihm haftet etwas inflationäres an. Wie viele Musiker werden zu Choryphäen gekürt? Wie viele Bands in den Stand besagter Institution erhoben? Auch THE FREEZE umweht diese Aura. Dumm nur, dass sich kaum jemand an die Truppe aus Massachusetts erinnert. 1979 von vier Schülern gegründet wurde sie oft ins Lager des Hardcore abgeschoben. Die geografische Nähe zu Boston war Schuld. Tatsächlich aber liegen die Wurzeln der Jungs im klassischen Punk-Rock.

Über die Jahre tauschte sich die Besetzung kontinuierlich aus. Fels in der Brandung blieb Sänger Clif Hanger, der eigentlich Croce heißt. Bis heute. Anfang der Neunziger nahm das deutsche Label Lost and Found THE FREEZE unter Vertrag. Die daraus resultierenden Platten „Crawling Blind“ und „Freak Show“ gelten als zwei ihrer stärksten Veröffentlichungen. In den USA erschienen beide Langspieler gebündelt – allerdings erst im Jahr 2004. Auch Institutionen können es schwer haben.

„Freak Show“ ist ein unterschätztes Meisterwerk des Punk-Rock. 18 Songs vereinen sich zu einem Opus absoluter Geschlossenheit. Wie aus einem Guss ballern Croce & Co dem Zuhörer Melodien und Refrains um die Ohren, die sich ob ihrer Lebendigkeit tief ins Gedächtnis brennen. Hardcore-Anleihen bleiben rar gesät, beschränkt auf wenige Ausbrüche härterer Gangart. Besonders hervorzuheben ist Gitarrist Bill Close, der in allen Drehzahlbereichen wahrhaft großes leistet. Er blieb THE FREEZE bis 1999 erhalten.

Inhaltlich ist die Scheibe ein mitunter krasser Einblick in die menschliche Psyche. Die von Clif Croce aufgezeigten Abgründe, zumeist seine eigenen, künden von einer zerrissenen Persönlichkeit. Kaum ein Song erzählt nicht die Geschichte zehrender Psychosen, der Abhängigkeit von Medikamenten und Drogen oder der schleichenden Entfremdung von der Realität. Die Verarbeitung seiner mentalen Probleme auf dem Weg der Musik scheint Croce über die Jahre eine gewisse Linderung verschafft zu haben. Dem Publikum gab er damit einige der ehrlichsten und mitreißendsten Punk-Rock-Smasher überhaupt.

Wertung: (8 / 10)

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