The Fog of War (USA 2003)

the-fog-of-warIm Jahr 2003 erstellte Dokumentarfilmer Errol Morris („Vernon, Florida”) ein Portrait des ehemaligen US-Verteidigungsministers und späteren Weltbankpräsidenten Robert Strange McNamara. Diese 2004 mit dem Oscar für den besten Dokumentarfilm ausgezeichnete Abhandlung über Effizienz, Moral und Krieg zeichnet ein höchst interessantes Bild eines der kontroversesten Politikers des 20. Jahrhunderts.

McNamara, Verteidigungsminister unter John F. Kennedy und Lyndon B. Johnson von 1961 bis 1967 erzählt hier aus seinem viel bewegten Leben – meist vor dem Hintergrund verschiedenster Kriege. Er erzählt von Effizienzsteigerung bei Brandbombeneinsätzen gegen Japan im Zweiten Weltkrieg, von der Kubakrise und schließlich von Vietnam. Der Tradition von Sun-Tzus klassischer militärischer Abhandlung „Die Kunst des Krieges“ ist „The Fog of War“ in elf Lektionen eingeteilt, in denen McNamara seine Sicht der Dinge auf teils militärstrategische, teils philosophische Art und Weise darlegt.

Dabei entsteht ein durchweg gespaltenes Bild des ehemaligen Verteidigungsministers. Die amerikanischen Taktiken gegen Japan im Zweiten Weltkrieg, die einen großen Teil der Zivilbevölkerung das Leben kosteten, beschreibt er mit recht kühlen Kosten-Nutzen-Modellen und räumt dabei freimütig ein, dass er, hätten die Vereinigten Staaten den Krieg verloren, wohl als Kriegsverbrecher verurteilt worden wäre. Ganz anders verhält er sich im Bezug auf seine Zeit im Amt. Wenn er von dem immensen Glück spricht, mit dem die Welt im Oktober 1962 dem Atomkrieg entgangen ist, merkt man dem greisen Staatsmann die Erleichterung immer noch an.

„The Fog of War“ besteht nur aus zwei Komponenten: einerseits das direkte Gespräch Morris’ mit McNamara, andererseits Originalmaterialien aus der geschilderten Epoche. Das gibt der Dokumentation den Anschein von größtmöglicher Objektivität. Doch Robert McNamara hat in seinem Leben genug Interviews gegeben, um unangenehmen Fragen geschickt auszuweichen. Wenn es um die Schuldfrage am Vietnamkrieg geht weiß er, wie man Fragen auf eine Art nicht beantwortet, dass das Gegenüber nicht mehr nachfragen wird. Dazu passt sein erklärtes Motto, niemals die Fragen zu beantworten, die einem gestellt werden, sondern immer die, die man gestellt bekommen möchte. Dennoch wird ein sehr plastisches Bild von McNamara gezeichnet.

Emotionale Momente ergeben sich, wenn ihm beim Beantworten einer Frage über Kennedys Tod die Tränen in die Augen schießen, oder auch wenn in Originalmitschnitten von Gesprächen zwischen McNamara und Johnson immer deutlicher wird, dass dem Präsidenten die Lage in Vietnam zunehmend entgleitet und auch sein Verteidigungsminister mit dem Latein am Ende ist. Diese Mischung aus Fakten über und Selbstdarstellung von einem alten Mann funktioniert dennoch überraschend gut. McNamara kommt als reiner Schreibtischtäter zwar stellenweise nicht sonderlich gut weg, zieht in hellen Momenten aber immer wieder zutreffende Rückschlüsse von der Geschichte auf die heutige politische Lage. Er bekennt sich eindeutig zum Multilateralismus und wirft die Frage auf, ob es nach heutiger sicherheitspolitischer Lage so sinnvoll ist, dass ein Mann allein die Kontrolle über 25.000 Atomwaffen hat.

Hier liegen vor allem die Stärken des 2003 vor dem Hintergrund des zweiten Irakkriegs entstandenen Films. Doch auch ohne diesen Bezug handelt es sich bei „The Fog of War“ um eine höchst unterhaltsame Geschichtsstunde, die nicht dem Populismus eines Michael Moore erliegt und auch dennoch deutlich seriöser daherkommt als die totale Guidoknoppisierung des ZDF es je vermögen wird. Es gibt wohl nur einen Film, der den Kalten Krieg schonungsloser als das gezeigt hat, was er wohl war – Wahnsinn. Und dieser Film – ironisch im Bezug auf den zweiten Vornamen des Robert S. McNamara – ist und bleibt „Dr. Strangelove“.

Wertung: 8 out of 10 stars (8 / 10)

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