The Boondock Saints – Der blutige Pfad Gottes (USA 1999)

der-blutige-pfad-gottes„Als Hirte erlaube mir, zu dienen mein Vater dir, deine Macht reichst du uns durch deine Hand, diese verbindet uns wie ein heiliges Band, wir waten durch ein Meer von Blut, gib uns dafür Kraft und Mut, In Nomine Patri Et Fili Et Spiritus Sancti.“

Die Bezeichnung Kult ist ja in der Zwischenzeit zu einem absoluten Unwort mutiert. Denn seit entsprechende Medien dieses vor einigen Jahren mal tollkühn aufschnappten, wird dem Ottonormalverbraucher so ziemlich jeder Film, jede Band, jedes Kleidungsstück oder sonstiger Mumpitz, der nur einen Millimeter von der Normallinie abweicht, als „kultig“ verkauft. Es empfiehlt sich hierbei also, diesen Begriff kritischer zu würdigen denn je, wenn auch diese Bezeichnung, so man sie denn nutzen möchte, manchmal durchaus passend erscheint. Zutreffend ist dies definitiv bei Troy Duffys Selbstjustiz-Anarcho-Gewalt-Absurdum „The Boondock Saints“ (oder zu Deutsch „Der blutige Pfad Gottes“) aus dem Jahre 1999, der es dank Internet, regem Interesse auf den einschlägigen Börsen und der Tatsache, dass irgendjemand einem immer von diesem Film erzählte, schnell eine beachtliche Fangemeinde sein Eigen nennen konnte.

Den blutigen Pfad Gottes beschreiten in Duffys völlig überspitztem Werk die beiden irischen Brüder Connor und Murphy (Sean Patrick Flannery und Norman Reedus), die streng dem katholischen Glauben folgen und sich vor dem alljährlichen St. Patricks Day-Besäufnis ihren Segen in der Kirche abholen. Inmitten der irischen Feierlichkeiten in ihrer Stammkneipe mit einer Vielzahl von Freunden, so u.a. der italienische Mafia-Laufbursche Rocco (David Della Rocco), platzt dann plötzlich ein Aufräumkommando russischer Gangster herein, was in einer wüsten Schlägerei endet. Das Ergebnis ist jedoch erst kurze Zeit später zu sehen, nachdem am nächsten Tag zwei der drei Russen schwer bandagiert und tot aus der Gosse geborgen werden. Dieser Vorgang ruft Special-Agent Smecker (Willem Dafoe) auf den Plan, der den völlig kruden Tathergang binnen weniger Minuten zu lösen im Stande ist. Die mit der Situation überforderten Brüder stellen sich der Polizei, werden von der örtlichen Presse jedoch als Helden gefeiert und, da in Notwehr gehandelt, freigelassen.

Fortan sehen sich die beiden als Racheengel Gottes an, mit dessen Hilfe und einem Arsenal an Waffen ausgestattet die Bostoner Unterwelt auf den Kopf gestellt wird. Nachdem die russische Mafia um etliche ihrer Mitglieder dezimiert wurde, wagen sich die Brüder mit tatkräftiger Unterstützung ihres Freundes Rocco an die italienische Mafia. Diese jedoch holt in Form ihres Bosses zum Gegenschlag aus und hetzt den legendären „Il Ducce“ (Bill Conolly) auf die beiden Gottes-Diener, denen aber auch FBI-Agent Schmecker ganz dicht auf den Fersen ist. So simpel die Story von Troy Duffys Erstlingswerk auch gestrickt ist, so unglaublich ist letztlich das, was nach dem Betrachten des Films übrig bleibt. Storytechnisch ist die Berufung durch den Herrn, die jedoch frei ausgelegt und von den beiden Protagonisten selbst initiiert wurde, schlicht konzipiert wie ein typischer B-Actioner. Jedoch dient dieses recht magere Gerippe lediglich als Aufhänger, um den Zuschauer mit vollkommen absurden wie genialen Situationen zu konfrontieren. Vor allem die Erzählstruktur schlachtet der Regisseur völlig zu seinen Gunsten und letztlich zu seinem Vorteil aus.

So wird erst in Rückblicken bereits Geschehenes bildlich dargestellt, was sich vornehmlich auf eine Vielzahl von Leichenbergen beschränkt. Erst im Nachhinein wird Aufschluss darüber gegeben, was letztlich passierte. Den Part des Aufklärers übernimmt dabei ein zu jeder Sekunde brillanter Willem Dafoe („Wild at Heart“), der sich als homosexueller FBI-Ermittler als Genie bei der Arbeit und Quälgeist für seine Kollegen herausstellt. Duffy lässt es in diesen Momenten nicht an Situationskomik fehlen, was Dafoe mehr als nur einmal zu unglaublich witzigen Aktionen verleitet (z.B. Tanzeinlage inmitten eines Gemetzels von 10 toten Russen oder als Frau verkleidet!). Es ist nur schwer zu übersehen, wie viel Spaß Dafoe diese Rolle gemacht haben muss und er scheint in der Darstellung des Agenten Smecker schier aufzugehen. Zudem lässt ihm Troy Duffy auch genug Spielraum, um sich frei zu entfalten und paart dies mit etlichen seiner noch lange im Gedächtnis bleibenden Sequenzen.

Dies wird bspw. in der Szene deutlich, in der sich die selbsternannten Gottes-Krieger mit Bill „Il Ducce“ Conolly einen Shoot-Out auf offener Straße in bester John Woo-Manier liefern und Dafoe diesen Reigen mit klassischen Klängen untermalt dirigiert. Von derlei Anspielungen an andere Filme oder Macher gibt es etliche, doch wirkt der Film zu keiner Zeit als bloße Kopie, denn der Regisseur kann stets seine eigenen Ideen einbringen. So erinnern die zahlreichen Schusswechsel samt Zeitlupensterben an die HK-Klassikers eines John Woo, während die Absurdität des Ganzen auch durchaus mit einem Tarantino verglichen werden kann. Als Racheengel in spe fungieren die beiden ebenfalls großartig aufspielenden Sean Patrick Flanery („Suicide Kings“) und Norman Reedus („Blade 2“), die in dieser Form wahrscheinlich nie wieder zu sehen sein werden. An Coolness und Abgebrühtheit beinahe nicht zu überbieten, nehmen sie das Gesetz Gottes in die eigene Hand und kategorisieren die Menschen nur noch als „Gut“ oder „Böse“.

Fragwürdig ist an dieser Stelle sicherlich der moralische Aspekt und vor allem die gute alte „political correctness“ wird von Duffy bis aufs äußerste mit Füßen getreten. Doch spielt dies für seinen Film auch gar keine Rolle. Eine Wertung des Ganzen spart er sich, vielmehr lässt er seine beiden „Helden“ völlig willkürlich handeln. Der Film soll lediglich Spaß vermitteln, was ihm auch unschwer gelingt, sofern man nicht eine kritische Würdigung vom Tun und Handeln der beiden Hauptdarsteller erwartet. Zwischen deftigen Sprüchen, bei dem wie so häufig die englische Originalversion die bessere von zwei Möglichkeiten ist, gibt es auch eine reichliche Menge an Gewalt zu sehen, bei denen das Kunstblut in Zeitlupe nur so durch die Gegend spritzt. Dies ist, gepaart mit der Selbstjustiz, die der Film bzw. seine Protagonisten vermittelt, eine diskutable Mischung, doch wirkt der Film viel zu comichaft, als dass man ihm daraus einen Strick drehen könnte.

Wenn eine Katze durch einen zufällig ausgelösten Schuss über die ganze Wand verteilt wird, eine Toilettenschüssel aus oberen Stockwerk als Wurfgeschoss dient und Schusswunden gleich reihenweise mit einem heißen Bügeleisen behandelt werden, zeigt der Mann auf dem Regiestuhl deutlich, wie man den Film einzustufen hat. Die FSK tat dies auch und indizierte „Der blutige Pfad Gottes“, doch ist die unter dem Ladentisch erhältliche DVD ungeschnitten und beinhaltet zudem feines Bonus-Material samt entfallener Szenen und Audio-Kommentar. Eine Fortsetzung ist bereits seit einiger Zeit geplant, konkrete Pläne wurden aber noch immer nicht preisgegeben. „Der blutige Pfad Gottes“ ist ein absolutes Highlight des unbequemen Independent-Films, bei dem der Spaß an der Sache im Vordergrund steht. Großartige Schauspieler, eine Menge Gewalt und Humor, letztendlich ist es ein Film, der seinen guten Ruf mehr als verdient.

Wertung: (8 / 10)

scroll to top