The Big White – Immer Ärger mit Raymond (USA/CDN/NZ/D 2005)

the-big-whiteEin sarkastischer Thriller vor winterlicher Kulisse – wer würde da nicht an Joel und Ethan Coens „Fargo“ denken? Der ähnlich geartete Film „The Big White“ wurde in Deutschland mit dem Untertitel „Immer Ärger mit Raymond” bestückt, was der Erfahrung nach bizarre Versuche bei der Entsorgung einer Leiche impliziert. Tatsächlich aber – und das ist das eigentlich erfreuliche – sucht der von Mark Mylod („Ali G in da House“) inszenierte Streifen eher die Nähe zu Hitchcocks „Immer Ärger mit Harry“ als zu Kotcheffs „Immer Ärger mit Bernie“. Denn der Tote, hier von zwei Mietmördern (Tim Blake Nelson, „Wonderland“ / W. Earl Brown, „Deadwood“) in einem Müllcontainer zwischengelagert, ist nur Ausgangspunkt einer Verkettung morbider Ereignisse, nicht deren Zentrum. Entsprechend leugnet die dezent überkonstruierte Handlung ihre Parallelen zu „Fargo“ nicht und lässt den schwarzen Humor zumeist aus dem menschlichen Subtext entspringen.

Robin Williams, der seit „One Hour Photo“ vermehrt in Rollen abseits des Mainstreams auftritt, spielt den tragikomischen Verlierer Paul Barnell. Sein Reisebüro in der kleinstädtischen Einöde Alaskas wirft keinen Gewinn ab, der Stromkonzern will ihm den Saft abdrehen und seine scheinbar am Tourette-Syndrom erkrankte Frau Margaret (Holly Hunter, „I Heart Huckabees“) bedeutet zusätzliche Belastung. Nur zu gelegen kommt Paul da die Leiche, die er im Müll vor seinem Geschäft entdeckt. In einem seltenen Anfall von Spontaneität nimmt er sich des Toten an und lagert ihn im Kühlschrank in seiner Garage. Nicht ohne Hintergedanken, ist sein Bruder Raymond doch seit fünf Jahren verschollen. Die vorzeitige Auszahlung dessen hochdotierter Lebensversicherung aber bedarf seines Leichnams. Anfänglich scheint Pauls Plan mit dem falschen Raymond aufzugehen – wären da nicht die erbosten Killer, der hartnäckige Versicherungsdetektiv Ted Waters (Giovanni Ribisi, „Der Flug des Phoenix“) und der echte Raymond (Woody Harrelson, „After the Sunset“).

Die Verstrickungen der Protagonisten sind nicht aus einem Guss, halten dank sehenswerter Darsteller und subtilem Humor aber beständig bei Laune. Holly Hunter hat als notorisch fluchende Ehefrau die meisten (vordergründigen) Lacher auf ihrer Seite, während Filmgatte Robin Williams als verzweifelter Gutmensch die Sympathien des Publikums pachtet. Selbst oder gerade weil er das steif gefrorene Bein des Toten mit einem beherzten Tritt bricht, damit der Körper vollends in den Kühlschrank passt oder selbigen in der Wildnis mit Fleisch behängt, damit hungrige Tiere die benötigte Unkenntlichkeit des vermeintlichen Raymond bewerkstelligen. Wenn Polizeikräfte später mit dem abgenagten Kadaver für ein Erinnerungsfoto posieren, gewinnt die Affinität zum wohlgemerkt weit brillanteren Coen-Kosmos an Deutlichkeit. Die narrative Genialität eines „Fargo“ erreicht „The Big White“ zu keiner Zeit. Aber er ist immerhin nah genug dran, um ausreichend eigenen Charme für einen launigen Genremix zu entwickeln – auch dank des coolen Soundtracks.

Wertung: 6.5 out of 10 stars (6,5 / 10)

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