The Anniversary – Designing A Nervous Breakdown (1999, Vagrant Records)

theanniversarynervousbreakdownIm Juni 2000 stellten die GET UP KIDS auf deutschen Bühnen ihr Album „Something to Write Home About“ vor. Als Toursupport fungierten deren Vagrant/Heroes & Villains-Labelkollegen THE ANNIVERSARY. Ich erinnere mich gut an den Auftritt des fünfköpfigen Gespannes aus Kansas City im Dortmunder FZW. Selten durfte ich eine energetischere Vorband erleben, selten flammte die Stimmung vor der Hauptband so hoch. THE ANNIVERSARY kannte niemand. Für sie sprach ihre Musik – in männlich-weibliche Gesangswechsel getauchter Indie-Rock mit Keyboardbegleitung –, die an diesem Abend genügend Drive mit sich brachte, um selbst gestandene Veteranen des Punk in Verzückung zu versetzen.

Umso größer die Überraschung, als ihr während des Konzerts aufbereitetes Debütalbum „Designing A Nervous Breakdown“ seinen Weg in meine Musikanlage fand. Das darauf platzierte Material ähnelte dem live dargebotenen zwar entfernt, präsentierte aber im Grunde eine völlig andere Band. Das hohe Tempo des Bühnenprogramms war – wenn überhaupt – nur am Rande spürbar. Statt dessen pflanzten THE ANNIVERSARY Indie/Emo mit bittersüßen Melodien und New Wave-Anleihen in die Gehörgänge. Dort verweilen sie bis heute. „All Things Ordinary“ ist nicht nur der beste Song der Platte, sondern auch einer meiner persönlichen All-Time-Favorites des gesamten Genres.

Das Artwork steht in seiner Aufmachung zwischen detoniertem Malkasten und Commodore 64-Grafik. Das schafft eine wunderbare Brücke zu diversen Keyboardpassagen, die den Melodien von Game Boy-Spielen nicht unähnlich erscheinen. THE ANNIVERSARY als Retro-Band zu bezeichnen, hätte aus heutiger Sicht durchaus seine Berechtigung, wäre im Gesamtkontext ihres Wirkens aber schlichtweg falsch. Was zählt ist nicht die Streuung von Reminiszenzen an die Vergangenheit, sondern die Erzeugung von Gefühlen. Und unverfälschte Emotionen haften den etwas spröden, weil dezent unterproduzierten Stücken in jeder einzelnen Sekunde an. 2004, nach sieben Jahren Bandgeschichte und nur zwei Platten löste sich die Gruppe auf. Das sie bis heute nicht vergessen wurde, davon zeugt bereits ein flüchtiger Blick in die undurchdringlichen Weiten des Internet. Einen nicht unerheblichen Anteil an dieser fortwährenden Verehrung trägt „Designing A Nervous Breakdown“, ein Album, dessen Faszination mit den Jahren verblüffenderweise stetig zunimmt.

Wertung: (8 / 10)

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