Tarnation (USA 2003)

tarnationJonathan Caouette liebt seine Mutter. Und zwar so sehr, dass er ihr einen Film gewidmet hat. „Tarnation“ ist das Dokument gestörter Psyche. Die der Mutter, und seiner eigenen. Nebenbei ist das sperrige wie komplizierte Werk ein Familienportrait der außergewöhnlichen Art. Caouette reiht Bilder zu einer Chronik der Zerrissenheit aneinander und schafft ein fragmentarisches Puzzle aus Videoschnipseln, Fotografien und Tonbandaufnahmen. Es ist die Abrechnung mit der eigenen Vergangenheit – und die Abrechnung mit dem Denkmal der intakten Familie.

Mit der zwanghaften Publikmachung individueller Befindlichkeiten im Sinne eines künstlichen Talkshowrealismus hat „Tarnation“ nichts gemein. Cauettes seelischer Exhibitionismus beruht nicht auf der Sucht nach Anerkennung und Öffentlichkeit, sondern ist der Wunsch nach Linderung tief sitzender Schmerzen. Dass er sein Schicksal dafür mit einem breiten Publikum teilt, macht die Intention nicht verwerflicher. Er bedient sich in oft verstörender Manier der Ästhetik des Independent-Kinos, gerade hinsichtlich des Soundtracks, und schafft einen sehr persönlichen, sehr intimen Dokumentarfilm.

Das mehrfach ausgezeichnete Realfilm-Drama zeigt den Menschen, Schauspieler und Experimentalkünstler Jonathan Caouette. Der Dokumentiert sein Leben schon früh mit einer Videokamera, versucht sich im Rollenspiel und kompensiert die Tragik im Schicksal seiner Mutter Renee. Die, schon zu Kindertagen ein Fotomodell, fiel im Alter von 12 Jahren vom Dach des elterlichen Hauses. Die Folge ist eine vorübergehende Lähmung, deren Behandlung mit Elektroschocks vollzogen wird. Ist es die Unwissenheit der Eltern oder die Verantwortungslosigkeit der Ärzte? Am Ende der Therapie kann Renee zwar wieder laufen, leidet fortan jedoch unter schweren psychischen Störungen.

Man könnte die erlittenen Tiefschläge der Familie für ein drastisches Drehbuch halten: Irgendwann wird Renee schwanger. Ihr Leben bekommt sie auch fortan nicht in den Griff, wird vor den Augen des Sohnes im Kleinkindalter gar Opfer einer Vergewaltigung. Bald wird ihr das Sorgerecht aberkannt. Es folgt die Einweisung in eine Psychiatrie. Jonathan wächst bei den liebevollen, aber sichtlich überforderten Großeltern auf. Er ist 11, als er beginnt den Lebensweg auf Videoband festzuhalten. Die Kunst als Therapie begleitet ihn fortan, lässt ihn eigene Kurzfilme drehen, in die Schwulenszene gleiten, Schauspieler werden und nach New York ziehen.

Hinter dem von Gus Van Sant („Elephant“) und John Cameron Mitchell („Hedwig and the Angry Inch“) geförderten Film steckt der Wunsch nach Ver- und Aufarbeitung einer schweren Entwicklungsgeschichte. Der Umzug in die Ostküstenmetropole gibt Jonathan Distanz. Die Aufzeichnungen werden tagebuchartig. Er versucht sich um die Mutter zu kümmern, sie zu sich zu holen, dokumentiert den fast peinlichen Versuch, sie beide mit seinem nie in Erscheinung getretenen Vater zu versöhnen. Neben Schuldzuweisungen ist da die ungemütliche Stille von Menschen, die sich im Grunde fremd sind, sich nichts zu sagen haben.

Später konfrontiert er den Großvater, die Großmutter ist in der Zwischenzeit verstorben, mit den Schatten der Vergangenheit. Viele Fragen bleiben unbeantwortet. Es hilft nichts. Zumal sich Renees Zustand durch konstante Medikation stetig verschlechtert. „Tarnation“ möchte Hoffnung geben. Doch wie ist das möglich, wenn die Geister des eigenen Lebens und die einer bitteren Realität keine Ruhe geben? Eine Antwort darauf gibt es nicht. Sie liegt hinter dem Film, einem möglicherweise normalen Leben in Jonathan Caouettes unbestimmter Zukunft.

Wertung: (8 / 10)

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