Suspiria (I/D 1977)

„Do you know anything about… witches?“ – Sara

Es gibt nur wenige Horror-Filme, die das Prädikat „Kunstwerk“ verdienen. Meist verfügen diese Ausnahmen über eine ausgeprägt surreale Note. Treffliche Beispiele sind Nicolas Roegs „Wenn die Gondeln Trauer tragen“ (1973) oder David Lynchs Debüt „Eraserhead“ (1977). Ein selbst aus diesem extravaganten Zirkel herausstechender Geniestreich ist Dario Argentos „Suspiria“. Der mysteriöse Schocker des Giallo-Spezialisten, zugleich der Auftakt seiner mit „Inferno – Horror infernal“ (1980) und „The Mother of Tears“ (2007) vollendeten „Mutter“-Trilogie, ist ein rauschhaftes Fest für die Sinne. Dass die Narration meist lose und ohne roten Faden Begebenheiten und Dialoge verknüpft, mindert die Extravaganz des farbintensiven Fiebertraums in keiner Weise.

Geradewegs zurückgenommen erscheinen da die puristischen Anfangstitel: weiße Schrift auf schwarzem Grund. Dazu der Soundtrack der legendären Soundtüftler Goblin, der durch ein illustres Instrument- und Synthie-Potpourri zugleich Faszination und Unbehagen schürt. Die Band, zu der u. a. der langjährige Argento-Vertraute Claudio Simonetti („Dämonen“, „The Church“) zählt, schuf auch die intensiven Scores zu Argentos „Profondo Rosso“ (1975), „Tenebrae“ (1982) und „Phenomena“ (1985). Die Musiker schaffen, im Zusammenspiel mit einem an Theater-Bühnenbilder erinnernden Set-Design, eine fast märchenhafte Aura. Doch natürlich drängt in diese das Grauen. Oder besser: die Hexe Helena Markos, auch bekannt als Mater Suspiriorum.

Die Perspektive des Zuschauers ist die der jungen Amerikanerin Suzy Bannion (Jessica Harper, „Stardust Memories“). Die reist nach Freiburg, um ihren Platz an einer renommierten, im bewaldeten Nirgendwo gelegenen Tanzakademie einzunehmen. Der Weg vom Münchner Flughafen bis zur Bildungsstätte ist eine Taxifahrt bei Starkregen, die Kameramann Luciano Tovoli und Cutter Franco Fraticelli (wirkten beide auch an „Tenebrae“ mit) als Stakkato aus Wassergüssen, Detailaufnahmen und Schattenspielen präsentieren. In diesem Strudel befremdlicher Impressionen wird die Harper als personifizierte Unschuld inszeniert, rein, verletzlich, fragil – und damit die ideale Figur, um in einen mysteriösen Strudel aus Spuk und Gewalt gezogen zu werden.

„I knew you’d come. You want to kill me! You want to kill Helena Markos!“ – Mater Suspiriorum

Noch bevor Suzy an der Schule aufgenommen wird, geschieht der erste Mord. Eine junge Tänzerin, die in Panik durch den Wald läuft und bei einer Freundin Zuflucht sucht, wird erst von glühenden Augen außerhalb eines geschlossenen Fensters terrorisiert, ehe sie – und die ihr Unterschlupf gewährende Vertraute – zu Tode kommen. Die brutale Sequenz, bei der ein Messerstich durch die geöffnete Brust ins Herz den nachhaltigen Schockeffekt nährt, ist fantasievoll choreographiert und erhaben visualisiert. Dazu serviert Argento grell leuchtendes Kunstblut. Spätestens jetzt ist ersichtlich: „Suspiria“ ist vorrangig ein Werk der optischen Eindrücke. Graphische Gewalt wird eher dosiert eingesetzt. Im Zentrum stehen von verschiedenen Farbsättigungen geprägte, konstant unheimliche Stimmungsbilder.

Weiteren Reiz zieht Argento aus der barocken Ballettschule, die beinahe wirkt wie ein lebender Organismus. So lotet der Film gleichermaßen die Architektur des Unheimlichen und das Unheimliche der Architektur aus. In diesem von der Außenwelt nahezu abgeschotteten, labyrinthartigen Mikrokosmos haben Miss Tanner (Alida Valli, „1900“) und Madame Blanc (Alt-Star Joan Bennett, „Menschenjagd“) das Sagen. Während sich Suzy mit Mitschülerin Sara (Stefania Casini, „Andy Warhol’s Bad“) anfreundet, mehren sich erschreckende Vorfälle. Unvermittelt regnet es Maden aus der Zimmerdecke, Pianist Daniel (Flavio Bucci, „Night Train Murders“) wird nachts von seinem Blindenhund zerfleischt und Suzy erfährt – ob wach, ob deliriös – Heimsuchung von einer übernatürlichen Macht.

Bei der allmählichen Wahrheitsfindung helfen (in verschwindend kurzen Auftritten) der junge Udo Kier („Andy Warhol’s Dracula“) und „Die Lümmel von der ersten Bank“-Veteran Rudolf Schündler („Der Exorzist“). Am Ende verdichtet sich fast überhastet ein Gesamtbild von Hexenkult und Wiederauferstehung, das den grandiosen Mystery-Horror nach kurzem Showdown wieder in den Starkregen treibt. An ikonischen Szenenfolgen mangelt es „Suspiria“ wahrlich nicht – man beachte allein den Todeskampf im Drahtgeflecht –, so dass die Wirkung dieses stilbildenden Klassikers bis heute ungebrochen scheint. Für viele Genre-Liebhaber erklomm Argento hier den Gipfel seines Schaffens. Die dabei offenbarte, außergewöhnliche Kunstfertigkeit gestaltet es schwer, dieser Meinung zu widersprechen.

Wertung: (8,5 / 10)

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