Strange Days (USA 1995)

strange-days„This is not like ´TV-only-better´… This is life. “ – Lenny

Unterschätzt, gefloppt, abgeschrieben. „Strange Days“ hatte es bei seiner Veröffentlichung nicht leicht. Dann wurde der zum zweiten Jahrtausendwechsel spielende Film auch noch von der Zeitrechnung eingeholt. Schnee von gestern ist er damit jedoch längst nicht. Im Gegenteil. Das Gemeinschaftsprojekt der Ex-Eheleute James Cameron (Produzent & Co-Autor) und Kathryn Bigelow (Regie) avancierte zum heimlichen Klassiker des modernen Science-Fiction-Kinos und erhält seinen Reiz durch die neo-futuristische Nähe zur gegenwärtigen Realität. Der Blick auf zukünftige Technologien beschränkt sich auf ein entscheidendes Minimum – und trägt darin die Essenz einer angenehm unkonventionell erzählten Modifizierung des Film Noir.

Bigelow („Blue Steel“) meidet Stereotypen und holt frei von Klischees zur verzwickten Geschichte eines notorischen Verlierertypen zwischen allen Fronten eines politischen Skandals aus. Hauptfigur Lenny Nero (großartig: Ralph Fiennes, „Der englische Patient“) ist ein heruntergekommener Ex-Cop, der mit MD-ähnlichen Aufnahmemedien handelt. Ein leicht unter Perücke oder Kopfbedeckung zu verbergender Rekorder zeichnet die Sinneswahrnehmungen des jeweiligen Trägers auf. Deren Nachempfindung ermöglicht die Wiedergabe durch den gleichen Apparat. Mit Sex und Gewalt angereicherte Clips sind auf dem Schwarzmarkt der Renner. Solch digitale Sehnsüchte befriedigt Lenny.

Auch die Trauer über seine verflossene Liebe Faith (Juliette Lewis, „Kalifornia“), eine erfolgreiche Sängerin. Produzent Philo (Michael Wincott, „The Doors“) will den aufdringlichen Loser fertig machen, was die in Sorge um Lenny bedachte Leibwächterin Lornette (stark: Angela Bassett, „Malcolm X“), deren Zuneigung er beharrlich ignoriert, zu verhindern sucht. Als ihm ein Clip zugespielt wird, auf dem ein bekannter Rapper von weißen Polizisten kaltblütig ermordet wird, könnte der Zündstoff zur Eskalation der anhaltenden Unruhen führen. Damit nicht genug, teilt sich ihm ein perverser Mörder über die rauschhafte Technologie mit. Faith scheint ebenfalls in Gefahr zu geraten, was Lennys Freund Max (Tom Sizemore, „True Romance“), einen Privatdetektiv, auf den Plan ruft.

Der verschachtelte Plot wird in parallelen Handlungssegmenten fortgeführt, die erst nichts und schließlich doch alles miteinander zu tun haben. Die wuchtige Action wird nur mit Bedacht eingesetzt, dafür viel Zeit für die Charakterisierung – und damit Glaubhaftmachung – der Figuren aufgewendet. Die atmosphärisch virtuose Vision des Millenniums ist technisch brillant und mit großem Aufwand umgesetzt. Dazu die Bühne des durch bürgerkriegsähnliche Zustände zerrütteten Los Angeles, einem Moloch aus Resignation und Gewalt. Bis zum Schlussakt in der feiernden Menge hält der Film sowohl seine unbequeme Spannung als auch die Unvorhersehbarkeit aufrecht. Typischer Thriller in untypischer Verpackung – ein Geniestreich.

Wertung: (9 / 10)

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