Station Agent (USA 2003)

station-agentDer kleinwüchsige Finbar McBride (Peter Dinklage, „Tiptoes“) ist kein geselliger Mensch, nagen an ihm doch die spöttischen Blicke und Bemerkungen seiner Umwelt. So lässt die vornehmlich stumme Ausgrenzung auch ihn kaum mehr Worte verlieren als irgend notwendig. Zusammen mit seinem Freund Henry Stiles (Paul Benjamin, „Do the Right Thing“) betreibt er ein kleines Geschäft für Modelleisenbahnen in Hoboken. Züge sind Fins Leben, dankbarere Gesellschaft als die oft verletzenden Menschen gängiger Statur. Als Henry plötzlich stirbt, vererbt er dem Freund ein Eisenbahndepot im abgelegenen Newfoundland, New Jersey. Dankbar bezieht Fin das alte Gebäude, um sich in der Abgeschiedenheit ein Stück von der Gesellschaft zu lösen, nach seinem Willen zu isolieren.

Dem im Wege steht allerdings der liebenswerte kubanische Imbisswirt Joe Oramas (Bobby Cannavale, „Shall We Dance?“), dessen Verkaufsvehikel tagtäglich unmittelbar vor Fins neu erschlossenem Domizil Stellung bezieht. Dann ist da noch die unglücklich geschiedene Olivia Harris (Patricia Clarkson, „Pieces of April“), die den Tod ihres Sohnes nicht verschmerzen kann und die den Neuankömmling ohne Absicht beinahe mit dem Auto überfährt – im übrigen gleich zweimal. Trotz anfänglicher Gegenwehr lässt sich Fin von der ihm entgegengebrachten Herzlichkeit erweichen. Dabei findet er Geborgenheit und Freundschaft, ebenso wie Ablehnung und Schmerz.

Mit „The Station Agent“ gibt Gelegenheitsschauspieler Thomas McCarthy („Meet the Parents“) seinen traumhaften Einstand als Autor und Regisseur. Wunderschön gefilmt und feinfühlig inszeniert, erzählt der Film mit leisem Humor die Geschichte eines Außenseiters, der sich plötzlich mit dem aufrichtigen Interesse der Mitmenschen an seiner Person konfrontiert sieht. Die Blicke reichen weit über den ersten Eindruck körperlicher Differenzen hinaus, obgleich sich die Bande der Vertrautheit bei der jungen Bibliothekarin Emily (Michelle Williams, „Prozac Nation“) und der noch jüngeren Afroamerikanerin Cleo (Raven Goodwin, „Lovely & Amazing“) verhaltener knüpfen.

Im Zentrum der grandiosen Besetzung stehen Peter Dinklage, Paul Benjamin und Patricia Clarkson, die im kollektiv eine wahrhaft meisterliche Darbietung vorbringen. Ungewöhnlich still und schlicht führt Thomas McCarthy seine Figuren ein, ebenso elegisch vollzieht sich deren zögerliche Charakterisierung. Behutsam wie leichtfüßig werden für die Entwicklung der unspektakulären Geschichte periphere Teile, beispielsweise Joes Pflege des kranken Vaters, nur angedeutet. Mit fortlaufender Fokussierung auf das Trio – in seiner Gesamtheit oder seinen zerstreuten Einzelteilen – beschränkt sich die Betrachtung in erster Linie auf fragile Momentaufnahmen. Die Charaktere werden mit Gelassenheit und aus respektvollem Abstand observiert, frei von Hektik oder konventionellem Erzählfluss.

„The Station Agent“ ist ein famoser und verdient mehrfach preisgekrönter Debütfilm. Die großartige Tragikomödie nutzt ihr dramatisches Potenzial zu keiner Zeit an selbstzweckhaftem Kitsch ab, verbirgt in zarten Dialogen vielmehr eine ungeschönte Wahrheit, wie man sie im Kino der heutigen Zeit leider viel zu selten erlebt. Am Ende der kurzen Spielzeit, wenn alles notwendige gesagt und getan wurde, verabschiedet sich das unaufdringliche Meisterwerk so still und leise, wie es gekommen ist. Und doch ist dieser einer jenen kleinen Filme, die man auch nachhaltig in großer Erinnerung bewahren wird.

Wertung: (9 / 10)

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