Soylent Green – Jahr 2022… die überleben wollen (USA 1973)

soylentgreen„People were always lousy. But there was a world once.” – Sol

Science-Fiction schmerzt immer dann, wenn sie nicht purer Fantasterei entspricht, sondern Ausgangspositionen der Gegenwart als theoretisches Konstrukt fortspinnt. Einer der bemerkenswertesten Vertreter dieses „Was wäre wenn?“-Ansatzes ist Richard Fleischers „Soylent Green“, in Deutschland mit dem Titel „Jahr 2022… die überleben wollen“ bedacht. Darin wird keine futuristische Welt errichtet, es werden Problemkomplexe der Alltagskultur schlicht aufaddiert. Dabei heraus kommt intelligente Zeitkritik, die mit Abstrichen beim Ambiente der Siebziger auch heute noch erschreckend wohl funktioniert.

Die Überbevölkerung hat New York in ein brodelndes Pulverfass verwandelt. Nahrungsmittel sind knapp, der sozialen Misere entsprechend haben wenige alles und die Massen haben nichts. Auf dem Speiseplan stehen fabrikgefertigte Produkte in verschiedenen Formen und Farben. Der Renner dieser (angeblich) rein pflanzlich hergestellten Produktpalette ist Soylent Green, in dem Plankton und anderes Meeresgewächs zu bekömmlichen Happen verarbeitet wird. Gehen die Vorräte zur Neige, rebelliert das Proletariat. Dann fahren Lastwagen mit Schaufeln auf und zerstreuen den Pulk.

Den Polizeibeamten geht es 2022 kaum besser. Ein Stückchen Wohlstand sichern sie sich durch Korruption. Als ein Vorstandsmitglied des Soylent-Konzerns ermordet wird, bedient sich der mit den Ermittlungen betraute Detective Thorn (Charlton Heston, „Ben Hur“) am materiellen Vermächtnis des Toten. Seltenes Gemüse, ein Stück Seife, Geschäftsbücher, eine Flasche Schnaps. Sein mit Recherchen beschäftigter Partner Sol Roth (in seiner letzten Rolle: Edward G. Robinson, „Cincinnati Kid“), der die Zeit einer blühenden Erde noch selbst erlebte, stößt in den Unterlagen auf Indizien einer schrecklichen Wahrheit.

Fleischers („Tora! Tora! Tora!“) Vision einer übervölkerten Welt bleibt auf die Betonwüste New Yorks beschränkt. Menschen liegen in Treppenhäusern übereinander, im Elend vereint. Das Schicksal der Natur wird im stark montierten Vorspann nur angedeutet. Mehr Menschen dürstet es nach mehr Konsum. Bald darauf kapituliert das Ökosystem vor dem Treibhauseffekt. Soziale Strukturen zerfallen, Chaos regiert. Obwohl sich Thorn mächtige Gegner in den Weg stellen, treibt er die Aufklärung voran. Am Ende, wenn Freund Sol im staatlich kontrollierten Suizid den letzten Ausweg findet, wird er sich bei Soylent einschleichen und das Geheimnis der Massensättigung entschlüsseln.

Den Kontrast zur urbanen Katastrophe stellen die Lebensbedingungen der Reichen. Neben den Habseligkeiten vergreift sich Thorn auch an Shirl (Leigh Taylor-Young, „Die Steppenreiter“), dem zur Wohnung zählenden menschlichen „Inventar“ des ermordeten Vorstands. Das Individuum wird auf seine Zweckmäßigkeit reduziert. Dieser Entmenschlichung entspricht auch der Nihilismus des Gesamtszenarios. Das bittere Filmwerk bezieht seinen Reiz aus der Ungemütlichkeit. Ungeachtet zu vernachlässigender Mängel in Dramaturgie und Logik ein absolut mitreißender Entwurf der Apokalypse.

Wertung: (8 / 10)

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