Sisu (FI 2022)

Der Krieg hat als Hintergrund des Exploitation-Kinos eine lange Tradition. Durch Quentin Tarantinos „Inglourious Basterds“ (2009), immerhin Oscar-prämiert, kam diese Unterhaltungsnische auch im Mainstream an. Dessen Einfluss auf die finnische Produktion „Sisu“ bleibt unverkennbar – durch die Western-artige Inszenierung, die comichafte Gewalt und die in großen gelben Lettern ins Bild geblendeten Kapitelüberschriften. Damit enden die Vergleiche aber auch schon. Denn anders als Tarantino beschränkt sich Autor und Regisseur Jalmari Helander („Rare Exports“) auf das Wesentliche und setzt auch Dialoge nur ein, wenn es nötig erscheint.
Die Geschichte spielt 1944. Kurz vor dem Ende des Zweiten Weltkriegs befinden sich die deutschen Truppen auch in Finnland auf dem Rückzug und hinterlassen dabei Tod, Zerstörung und verbrannte Erde. Eine Gruppe SS-Soldaten, angeführt von Bruno (Aksel Hennie, „The Martian“), bahnt sich mit Truppentransporter, Panzer und Motorrad ihren Weg Richtung Norwegen. Dabei kreuzen sie den Weg von Aatami Korpi (Jorma Tommila, „Big Game“), einem eremitisch im Hinterland lebenden Goldsucher. Als der auf eine Goldader stößt und den Reichtum zur Bank bringen will, machen ihm die Nazis (als Scharfschütze dabei: Jack Doolan, „Marcella“) einen Strich durch die Rechnung. Der Beginn eines verlustreichen Kleinkriegs, bei dem der bald als berüchtigte Ein-Mann-Armee identifizierte Korpi zwischen „Rambo“ und „John Wick“ durch die Reihen seiner Gegner pflügt.
Und dass Bruno und Gefolge verdient haben, was ihnen widerfährt, rechtfertigt Helander u. a. dadurch, dass die Nazi-Schar auf ihrem Weg reihenweise Menschen am Straßenrand aufgeknüpft hat und dazu noch eine Gruppe gefangener Frauen (u. a. Mimosa Willamo, „Deadwind“) in einem Lastwagen mit sich führt. Missbrauch und Vergewaltigung werden im Sinne des pulpigen Unterhaltungsanspruchs allerdings nur angedeutet. Das Hauptaugenmerk gilt schließlich der sich anbahnenden Jagd auf Korpi und dessen Goldfund. Dass der schweigsame bärtige Einsiedler kein gewöhnlicher Mann ist, veranschaulicht in der Herleitung bereits sein Bad in einem Fluss, bei dem die Kamera nur zu deutlich den langen Narben auf seinem Oberkörper folgt.
Die passen auch zum Titel, der ein finnisches Wort umfasst, das laut einleitender Texttafel nicht übersetzt werden kann, im groben Zusammenhang aber eine Willensstärke ausdrückt, die selbst bei aussichtslosen Unterfangen eine unbeirrbare Stoik bedeutet. Dies für Korpi prägende Charakteristikum spiegelt auch die völlig unrealistische Erzählweise wider. Bei den offensichtlichen Gelegenheiten, ihn zu töten, zögert Bruno und der angeblich „Unsterbliche“ macht seinem Spitznamen alle Ehre, wenn er selbst schweren Beschuss mit Goldgräberpfanne oder geschulterter Leiche unbeschadet übersteht. Und eine Schussverletzung ist für ihn ohnehin kein Hindernis!
So merzt der schweigsame Elitekämpfer seine Gegner zu Lande, zu Wasser und letztlich auch in der Luft aus. Die grimmig übersteigerte Inszenierung hält dabei neben viel Blut auch ideenreiche Bilder bereit, deren Kinetik von der schroffen Naturkulisse Lapplands stimmig kontrastiert wird. Dass Helanders Filme bisweilen das Gefühl einer Familienzusammenkunft schüren, zeigt auch hier diesmal die Besetzung von Tomilas Sohn Onni, der als Panzerschütze aber auf der anderen Seite des Sympathiespektrums steht. Der Übertreibung serviert der Filmemacher gerade im Schlussdrittel etwas zu viel. Aus der betont schmalen Prämisse holt Helander aber nahezu das exploitative und bei aller Brutalität selbstredend nicht vollends ernst gemeinte Maximum heraus. Kein Wunder also, dass die Fortsetzung längst abgedreht ist.
Wertung:
(6,5 / 10)
