Scalps (I/E 1987)

Von edlen Wilden, sadistischen Soldaten und dem ewigen Reiz der Exploitation
Der Italo-Western war aus der öffentlichen Wahrnehmung längst verschwunden, als Schlock-Spezialist Bruno Mattei („Die Hölle der lebenden Toten“) Ende der 1980er „Scalps“ (Alternativtitel: „Es geht um deinen Skalp, Amigo!“ oder „Scalps – Sie kämpft wie ein Mann“) schuf. Bei der italienisch-spanischen Co-Produktion fungierte der umtriebige Vielfilmer als Co-Autor und Regisseur – unter dem wohlklingenden Pseudonym Werner Knox. Wie für Mattei typisch steht die Resteverwertung besserer Werke auf dem Programm; garniert mit teils ruppigen Gewaltspitzen und überschattet von einer Produktions- und Schauspielgüte, die oft unter Durchschnitt rangiert.
Der Streifen ist Bahnhofskino durch und durch. Dabei leistet auch die Geschichte der Exploitation Vorschub. In der macht sich ein Südstaatler-Soldatentrupp um den skrupellosen Colonel Connor (mit Hang zur haltlosen Übertreibung: Albert Farley alias Alberto Farnese, „Drei Spaghetti in Shanghai“) daran, die vom befehlshabenden Offizier begehrte indigene Häuptlingstochter Yarin (Mapi Galán, „Catacombs“) zu verschleppen. Da ihr Stamm das nicht akzeptiert, lassen die Grauröcke die Waffen sprechen. Das daran geknüpfte Massaker an den Natives knüpft anlässlich der aufgetischten Gewaltentgleisungen zarte Bande zu „Das Wiegenlied vom Totschlag“ (1970). Der Unterschied liegt im Billigfilm-Ambiente und den miesen Schauspielleistungen. Und natürlich dem Selbstzweck der Gräueltaten.
Die sind kein politisches Statement, sondern Teil des Unterhaltungskonzepts. Die anvisierte Schockwirkung bleibt trotzdem aus. Auch dank Kostümen wie aus dem Faschingsverleih und amerikanischen Ureinwohnern offensichtlich südeuropäischer Abstammung. Nach dem Blutbad ist Yarin verwundet und gefangen. Doch sie kann entkommen und landet mit letzten Kräften im Stall von Matt (Vassili Karis, „Black Cobra“). Der ist nicht nur Ex-Soldat, sondern auch der Witwer von Connors Tochter. Und da er seinen Hass auf die Eingeborenen vergisst und der flüchtigen Schönheit hilft, gerät er ebenso ins Visier der alten Kameraden. Die veranstalten bald eine Hetzjagd auf die beiden, während der sich Yarin und Matt allmählich näherkommen.
Diese Entwicklung wird dadurch unterstrichen, dass er in unpassenden Szenen wiederholt seine Oberbekleidung ablegt. Dazu muss sich Matt mit einem Krieger aus Yarins Stamm messen, um den indigenen Gepflogenheiten gerecht zu werden. Nur das Skalpieren erschließt sich ihm (noch) nicht; selbst wenn seine Begleiterin keine Gelegenheit auslässt, ihre ausnahmslos männlichen Widersacher um Kopfhaut und Haupthaar zu erleichtern. Das zeigt Mattei gern in Großaufnahme – das Zielpublikum möchte schließlich blutige Schauwerte sehen! Zu diesen zählt auch, dass der von Connor gefangene Matt am Ende an durch die Brust getriebenen Metallklauen durchs Ödland gezerrt wird. Im Gegenzug dünnt Yarin als „Rambo“-Nachbau in „Chatos Land“ die Gegnerschaft aus, bis nur noch Connor übrig ist.
Schlecht ist an Matteis Low-Budget-Reißer natürlich nicht alles. Aber der Fokus auf die Exploitation-Anteile erstickt potenziellen Subtext doch bereits im Keim. Dass der Spaghetti-Western zur Produktionszeit von „Scalps“ nur noch vereinzelt Lebenszeichen sendete, hielt Mattei nicht davon ab, im selben Jahr den nicht minder gewaltreich-reißerischen „White Apache“ nachzulegen. Obendrein kehrte tatsächlich auch Franco Nero als „Django“ zurück auf die große Leinwand – im einzigen offiziellen Sequel zum ikonischen Klassiker. 1993 sollte Nero unter der Regie von Enzo G. Castellari, mit dem er auch „Keoma“ (1976) gedreht hatte, in „Die Rache des weißen Indianers“ noch einmal zur Belebung des Westerns beitragen. An die europäischen Glanzzeiten des Genres konnten beide Filme nicht anknüpfen. Weit besser als Matteis späte Revitalisierungsversuche waren sie trotzdem allemal.