Running on Karma (HK 2003)

running-on-karmaDie Filme des Jonny To („Fulltime Killer“) halten meist nicht, was sie versprechen. Die Ansätze wecken Erwartungen, die sich oftmals in üppiger Charakterentwicklung und Überdramatisierung zerstreuen. Sollte es bei „Running on Karma“, den To abermals mit Hilfe von Wai Ka-Fai („Love for all Seasons“) inszenierte, anders sein? Nun, etwas ist tatsächlich anders. Das absurd fantastische Element, das die erste Hälfte durchtränkt. Es fügt sich nicht nahtlos in den weiteren Verlauf, doch stellt es einige von Tos voranstehenden Werken deutlich in den Schatten.

Bereits in den ersten zehn Minuten ergießt sich ein wahres Füllhorn grotesker Ideen: Da ist Superstar Andy Lau („House of Flying Daggers“), der im Gummianzug den muskelbepackten Hünen Big verkörpert. Der ehemalige Mönch verdingt sich als Stripper. Bis er nach einer Razzia vor der jungen Polizistin Lee (Cecilia Cheung, „Shaolin Soccer“) fliehen muss. Nackt. Unterdessen stößt ein Einsatzteam auf die grausam zugerichtete Leiche eines Mannes. Während der Spurensicherung schlägt ein Hund an einem Kanister an. In ihm befindet sich der Mörder, ein mysteriöser indischer Schlangenmensch. Als er sich der Festnahme entzieht, kreuzen sich die Wege beider Flüchtlinge.

Was beginnt wie ein übersteigerter Gewaltcomic, verwandelt sich bald in ein spirituelles Drama. Big ist in der Lage, das Karma anderer Menschen zu erkennen. Auf diese Weise sieht er Lees Ableben voraus. Bei ihrer Rettung fasst er den Inder. Doch der Schatten des Todes schwebt weiterhin über ihr. Statt sich zu verstecken, ist sie gewillt sich zu Opfern und, damit verbunden, den Mörder von Bigs Freundin zu fassen. Die Geschichte entwickelt sich fern jeder Genrespezifizierung. Action folgt seltsam in den Kontext gebetteter Humor. Dem folgt der Tiefsinn.

Die Achterbahnfahrt des Auftakts weicht mit der turbulenten Festsetzung des Inders – Big wickelt ihn am Bahnhof in einen Lüftungsschacht ein – einer moralischen Selbstfindung. Die drosselt das Tempo. Merklich. Trotzdem überrascht, dass der Film auf den verschiedenen Ebenen funktioniert. Zumindest meistens. Die Episode mit dem geölten Fassadenkletterer wirkt in ihrer slapstickhaften Umsetzung wie ein Rudiment des Hongkongkinos der Achtziger. Trotz des Ungleichgewichts bleibt der Film sehenswert. Im Schlussdrittel kehrt Big ins Kloster zurück. Die Rasanz wird zurückgepfiffen, Raum geschaffen für ein philosophisches Finale mit parabelhaftem Charakter. „Running on Karma“ ist ein ungewöhnliches Werk. Sich darauf einzulassen lohnt die Mühe.

Wertung: (7 / 10)

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