Run and Kill (HK 1993)

run-and-killUnter den hierzulande Stoßweise veröffentlichten Werken asiatischer Fleißarbeit schlich sich kürzlich auch der 1993 entstandene Thriller „Run and Kill” in ausgesuchte Videotheken. Dieser zählt zu den Fallbeispielen der Kinometropole Hong Kong, die im Herstellungsland mit einer Cat III-Bewertung versehen wurde. Denn während Actionperlen wie „The Killer” oder „Full Contact” hierzulande einzig unter enormen Beschneidungen Freigaben ab 18 erhalten, werden derlei Filme in Hong Kong durch Cat II-Ratings bereits Jugendlichen zugänglich gemacht – wohlgemerkt in den seltensten Fällen mit Kürzungen bedacht. So bleibt die kategorische Einordnung Cat III einzig filmischen Erzeugnissen vorbehalten, die durch subversive Inhalte oder kaum zumutbare Bilderfluten die Gemüter erhitzen.

Beinahe müßig zu erwähnen, dass auch „Run and Kill” in Deutschland trotz des obligatorischen JK-Stempels von umtriebigen Fachkräften auf den bürokratischen Standard einer germanischen Vorgartenhecke gestutzt wurde und damit beinahe gänzlich seiner Substanz beraubt wurde – also übertrieben-comichafter Gewaltdarstellung. Bei solch tristen Aussichten mag die Geschichte des gutmütigen wie übergewichtigen „Fatty” Cheng (Kent Cheng, „Once Upon a Time in China”) kaum Interesse zu wecken. Doch zum Glück bleibt der alternative Griff zur unzensierten Import-Fassung! Aber zurück zu Fatty, der seine Frau beim Beischlaf mit einem fremden Mann erwischt und während dem aus Agonie resultierenden Zechgelage versehentlich die Tötung seiner untreuen Gemahlin in Auftrag gibt. Nach ordnungsgemäß ausgeführtem Mordauftrag erhält er jedoch eine gepfefferte Rechnung der Triaden für die ungewollte Dienstleistung, die nach der ersten Zahlungsverweigerung die Zerstörung seines Geschäftes nach sich zieht.

Aus Verzweiflung flieht die tumbe Heldenparodie aus der Stadt und gerät in seinem Versteck an ein konkurrierendes Verbrechersyndikat, das kurzerhand zur agitativen Schlichtung hinzugezogen wird. Doch der Betrachter ahnt es längst, die erbarmungslose Spirale der Gewalt lässt sich nicht mehr aufhalten und beschwört nach dem Ableben der angeheuerten Rückendeckung die vernichtende Rache des sadistischen Bruders (Simon Yam, „Bullet in the Head”) eines der Opfer herauf. Entgegen dem üblichen Cat III-Ödland aus billigem Sex und harscher Gewalt gilt „Run and Kill” in seinem verstörenden Zyklus aus Klamauk, überharten wie grotesken Brutalitäten und sich stetig steigernder Spannung als einer der intensivsten und empfehlenswertesten Beiträge dieser künstlerischen Schattenseite. Zwar ist die Zeichnung solcher Gräuel nur mit der raschen Befriedigung der Sensationslust des Publikums, also purer Geldscheffelei zu definieren, doch erreicht der Film dieses Ziel durch das wirksame Spiel mit den Emotionen des Publikums.

Diese werden gegen Ende auf eine harte Bewährungsprobe gestellt, wenn der am Rande des Lächerlichen agierende Vollblut-Psychopath Simon Yam erst die Mutter des ewigen Unglücksraben Kent Cheng aus dem Fenster der eigenen Behausung auf ein Einsatzfahrzeug der anrückenden Polizei bugsiert, nur um dessen kleine Tochter im Anschluss an eine turbulente Flucht vor den Augen des hysterischen Vaters mit Benzin zu übergießen und anzuzünden. Dieser im Grunde kaum erträgliche Akt der graphischen Barbarei wird jedoch von sämtlichem Schrecken in Richtung schillernder Absurdität getüncht, wenn Fatty die verkohlte und eindeutig viel zu klein geratene Puppe seines verbrannten Kindes in den folgenden Showdown trägt. Freunde abgründiger Unterhaltung dürften sich in der Gesellschaft Hin Sing ‘Billy’ Tangs („Street of Fury”) Streifen also sichtlich wohl behütet fühlen.

Der exploitative Thriller sorgt neben erwähnter Groteske für zahlreiche weitere unmenschliche Malträtierungen der Protagonisten, etwa durch in Oberschenkelhälse gestoßene Bambusrohre oder in Großaufnahme abgelichtete Kehlenschnitte. Die zwischen hanebüchenem Overacting und überzeugender Charakterzeichnung umherstolpernden Darsteller wissen im beschwingten Fluss dieser brachialen Action-Tragödie über weite Strecken zu überzeugen, finden sich neben Cheng und Yam doch auch gestandene Mimen wie Danny Lee („The Killer”) auf der Besetzungsliste. So sehr der Film prinzipiell auch zu empfehlen wäre, so sehr sei letzten Endes vor der Sichtung der sinnentstellten deutschen Verleihfassung abzuraten!

Wertung: (6 / 10)

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