Rollerball (USA 1975)

rollerball„No player is greater than the game itself.“ – Bartholomew

Die Gegenwart mit filmischen Mitteln aufarbeiten hieß in Hollywood lange in die Zukunft schauen. Statt den erhobenen Finger unmittelbar in gegenwärtig klaffende Wunden zu drücken, wählte man das Mittel der futuristischen Parallelgesellschaft. Dort ließen sich mögliche Folgen jener Entwicklungen durchexerzieren, ohne den Verantwortlichen in Politik und Wirtschaft direkt auf die Füße zu steigen. Mitte der Siebziger waren die USA noch im traumatischen Dämmerzustand von Studentenprotest und Vietnamkrieg, Watergate-Affäre und Ölkrise begriffen. Autor William Harrison und Regisseur Norman Jewison („In der Hitze der Nacht“) zeichneten die möglichen Folgen anhand eines manipulativen Systems nach.

Das beruft sich im Jahre 2018 auf Verblendung nach dem ´Brot und Spiele´-Prinzip. Kriege gehören in dieser staatenlosen Welt der Vergangenheit an. Den Platz der Politik nehmen Konzerne ein, die ganze Völker mit Luxus bei Laune halten. Denn Komfort bedeutet Freiheit. Frauen dienen den Erfolgreichen als Belohnung und werden zu puren Lustobjekten degradiert. Als Druckventil aufgestauter Spannungen fungiert „Rollerball“. Das brutale Spiel, bei dem moderne Gladiatoren auf Rollschuhen oder Motorrädern über ein Rundfeld gleiten, erfordert taktische Gewalt, um eine Stahlkugel in des Gegners Toröffnung zu versenken. Verletzungen sind die Regel, der Tod stachelt die frenetischen Massen an.

Star der Arena ist Jonathan E. (James Caan, „Die Killer-Elite“), der nach einer beispiellosen Karriere von Konzernchef Bartholomew (John Houseman, „The Fog“) zum Abtritt aufgefordert wird. Am besten ohne darüber nachzudenken, denn Vorstandsentscheidungen werden nicht hinterfragt. Jonathan tut es trotzdem und soll folglich auf dem Spielfeld geopfert werden. Das Regelwerk wird gelockert, das Ableben der Sportler willentlich in Kauf genommen. Nachdem bereits das in Tokio ausgetragene Halbfinale um die Weltmeisterschaft zur verlustreichen Materialschlacht geriet, wird das von sämtlichen Grenzen befreite Endspiel endgültig zum brutalen Gemetzel.

Jewisons Vision dekadenter Gleichgültigkeit gibt sich recht actionorientiert und unkritisch, bleibt dank der starken Umsetzung aber durchweg packend. Großes leisten dabei die Stuntleute, erstmals in der Geschichte namentlich im Abspann aufgeführt. Die Sportszenen wurden in München gedreht, wo die Basketball-Olympiahalle von 1974 zur Verfügung stand. Bis zum offenen Finale hüllt sich der Film in wenig futuristisch mutende Dekors. Sie machen die Gegenwärtigkeit des Szenarios erfahrbar. Daraus erwächst ein geistig zurückhaltender, dafür in der Optik umso stärkerer Klassiker. Vergessen kann man hingegen das sinnfreie Remake von 2002.

Wertung: (8 / 10)

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