Rocky IV – Der Kampf des Jahrhunderts (USA 1985)

rocky4Mit dem vierten Teil wurde die „Rocky“-Saga politisch. Wo Teil drei der „Rambo“-Reihe erst drei Jahre später anti-westliches Gedankengut jenseits des roten Vorhangs torpedierte, legte Kampfmaschine Rocky schon mal dezent vor. Doch greift Regisseur und Drehbuchschreiber Sylvester Stallone selbstverständlich jedes noch so kleine Ost-West-Klischee auf und stellt sich selbst auf ein kleines, aber dennoch feines Podest, wo er in selbstgerechter Weisheit gen Ende eine herzergreifende Rede hält, die dem ganzen Ostblock Tränen der Rührung ins Gesicht treibt. Verlogener könnte der Film nicht enden. Doch bereits vorher wird der Russe nur als das gezeigt, was damals den Leuten im Westen so verkauft wurde. Rohe, brutale und gefühlslose Menschenverachter ohne Moralvorstellungen. Da braucht es einen aufrechten Amerikaner, der dem Lumpen mal Respekt einprügelt.

Von der ideologischen Sicht ist „Rocky IV – Der Kampf des Jahrhunderts“ nicht ganz so brachial wie Stallones zweite bekannte Actionfigur. Dennoch können zahlreiche Fehltritte und peinliches Klischeegegrabbel nicht darüber hinwegtäuschen, dass es einzig um die positive Darstellung des guten Amerikaners geht. Dramaturgisch ist der Film noch einmal als weiterer Niedergang zum eh schon platten Vorgänger zu sehen. Die Rachegeschichte hat keinen Tiefgang und warum ausgerechnet Carl Weathers nach all den Jahren außerhalb des Rings genau diesen wieder betreten muss, wird auch nicht zufriedenstellend geklärt. Die Besetzung eines Bösewichts steht hier wieder im Vordergrund, nachdem bereits Mr. T diesen Part übernahm ist es hier Dolph Lundgren („The Punisher“, „Masters of the Universe“), der erstmals in einer tragenden Rolle zu sehen war.

Dieser gibt sich – wie man es später gewohnt war – äußerst wortkarg und hat bis auf ein paar mickrige Einzeiler („Ich werde Dich vernichten“, „Wenn er tot ist, ist er tot“) nichts zum Film beizusteuern. Als hünenhafter Russe macht er seine Figur im Rahmen seiner Möglichkeiten und vor allem dem des Skriptes recht ordentlich. Stallone wiederum weiß besser zu gefallen als beim Vorgänger, zu viel weinerliches Gehabe spart er sich gottlob, wenn auch seine emotionale Rede am Grab seines Freundes mehr lächerlich denn aufwühlend ist. Brigitte Nielsen bleibt wie üblich ihren Ruf als Schauspielerin schuldig, hat es aber ähnlich gut drauf, die Mundwinkel zu verziehen, wie ihr späterer Ehegatte Sylvester Stallone, mit dem sie ja bekanntlich auch bei „Die City Cobra“ zusammenarbeitete. Über den Rest kann man getrost den Mantel des Schweigens legen, die russischen Vertreter sind durch und durch unfaire Schweine, während mit dem russischen Staatsoberhaupt wohl ein Gorbatschow-Doppelgänger verpflichtet wurde.

„Rocky IV“ überzeugt, ähnlich wie sein Vorgänger, nur in Punkto Action und Musik, beides steht wieder einmal perfekt platziert in einer Reihe. Zwar ist die Figur des Rocky Balboa gereifter dargestellt, doch die permanent geheuchelte politische Botschaft nervt zusehends. Dies wird vor allem in den unterschiedlichen Trainingsmethoden der Kontrahenten deutlich. Denn während Lundgren mit allerlei HighTech und diversen Zusatzspritzen für den Kampf fit gemacht wird, stählt sich der gute Stallone mit Dauerlauf im Schnee, Holzhacken und Klimmzügen in seiner abgeschiedenen Scheune. Prunkstück des Films sind aber sicherlich die fünfzehn Runden des Boxkampfes, in denen sich Stallone und Lundgren die Köppe dermaßen weich kloppen, dass jeder Normalsterbliche den Ring lediglich als deformiertes Etwas verlassen hätte. Der Ausgang ist zwar klar, doch die Inszenierung dieser Prügelorgie könnte besser nicht sein. Markige Sprüche gibt es obenauf („Keine Schmerzen, keine Schmerzen“) und wenn Stallone mit seiner eindrucksvollen Darbietung die Herzen der damaligen Sowjetunion gewinnt, bleibt zudem keine Hosen trocken.

Beinahe selbstredend war auch der vierte Teil der Saga ein Erfolg, mit solchen Themen konnte Hollywood Mitte der 80er noch gutes Geld verdienen. Wenige Jahre später mussten neue Feindbilder gesucht werden. „Rocky IV“ schwankt zwischen Peinlichkeit, geheuchelter Botschaft und packender Action, ist aber dennoch nicht minder unterhaltsam als sein direkter Vorgänger, vielleicht sogar noch einen Deut mehr, denn das Training in den verschneiten Bergen Russlands gibt mehr her, als Dauerlauf in kurzer Hose am Strand.

Wertung: 4 out of 10 stars (4 / 10)

Ähnliche Beiträge

  • Die Entführung der U-Bahn Pelham 1 2 3 (USA/GB 2009)

    Mit dem Remake von „The Taking of Pelham 1 2 3“ (früher „Stoppt die Todesfahrt der U-Bahn 123“, heute „Die Entführung der U-Bahn Pelham 1 2 3“) zieht Tony Scott wieder alle Register seines Könnens. Was Cineasten einen kalten Schauer über den Rücken jagen dürfte, zeugt immerhin für das Mainstream-Publikum von gewohnter Zuverlässigkeit. Um Tiefe…

  • Pathology (USA 2008)

    Halbgötter in Weiß. Was für den Arzt gilt, muss den Pathologen nicht aussparen. Doch wie weit darf der Einflussbereich derer führen, die mit menschlichem Leben oder der Erkenntnis des Todes hantieren? Und wer stellt die für sie unabdingbaren ethischen Wegweiser auf? Ein solches Instrument ist der Hippokratische Eid, nach dem das Leben durch den Mediziner…

  • Zack and Miri Make a Porno (USA 2008)

    Mit nur drei Filmen, seiner Jersey-Trilogie, wurde Kevin Smith („Clerks“) in Independent-Kreisen unsterblich. Er führte den Geist John Hughes‘ fort, die klassische Jugend-Komödie, transzendierte diese jedoch auf das Leben nach der High School. Seine „Helden“ sind Außenseiter, Loser, nicht zuletzt Geeks. Denn eines der entscheidenden Momente in Smiths Universum ist das Anspielungspanorama, bei dem Kinoklassikern,…

  • Der Grinch (USA 2000)

    Inmitten der zerklüfteten Bergregionen einer Schneeflocke liegt das beschauliche Örtchen Whoville. Die Bewohner von Whoville, die Whos, sind ein oberflächlich naives Völkchen mit Hasenscharte und dazu passender Schnute, für die das Weihnachtsfest der zentrale Generator ihres kleinen Mikrokosmos darstellt. In ihrer abgeschiedenen kleinen Welt scheint nichts dies Idyll trüben zu können… bis auf den Grinch….

  • The Bite (I/USA/NL/J 1989)

    Im B-Segment war Italiens Genrekino stets eine Plagiatsindustrie. Erfolgreichen und auch künstlerisch wertvollen Anlehnungen an US-Trends – siehe Sandalenfilme und Western – folgte die erschöpfende Nachahmerflut. Irgendwann kamen die Vietnam-Kriegsfilme, die Zombie-Schocker und dazwischen auch der Tier-Horror. Eine späte Variation des letztgenannten Themas legten Produzent Ovidio G. Assonitis („Der Polyp“, „Piranha II“) und der unter…

  • Professor T (Series 1) (GB/BE 2021)

    Der Volksmund sagt, Ordnung sei das halbe Leben. Auf Universitätsprofessor Jasper Tempest (Ben Miller, „Death in Paradise“) trifft das nicht zu. Ohne Struktur geriete sein Leben völlig aus den Fugen. Tempest leidet an einer Zwangsstörung, die ihn an feste Rituale bindet – so stülpt er etwa über die akribisch gewaschenen Hände Kunststoffhandschuhe –, seiner Brillanz…