Rocketeer – Der Raketenmann (USA 1991)

rocketeerIm Jahre 1938 gelangt der junge Flieger Cliff Secord (Bill Campbell, „4400“) zufällig in den Besitz eines neuartigen Raketenpacks. Heimliche Experimente mit Mechanikerfreund Peevey (Alan Arkin, „Kein Koks für Sherlock Holmes“) zeigen schnell, was das Ding alles kann: Dank ihm schießt der junge Draufgänger wie eine Rakete durch die Lüfte! Doch Peevey hat Bedenken, sich die modernen Hermes-Sandalen einfach anzueignen, da eine große Anzahl von Menschen nichts unversucht lässt, in den Besitz des Geräts zu gelangen. Neben dem FBI ist es vor allem Gangster Eddie Valentine (Paul Sorvino, „Casino“), der das technische Wunderwerk für den zwielichtigen Schauspieler Neville Sinclair (James Bond No. 4: Timothy Dalton) zu ergattern versucht.

Doch auch der Konstrukteur der genialen Gerätschaft, niemand geringeres als der exzentrische Millionär Howard Hughes („Lost“-Star Terry O‘Quinn), würde sein Eigentum gerne zurück erlangen. Und natürlich – wir sind ja schließlich in den 1930ern – zeigen auch die Nazis großes Interesse an dem Jetpack. Als dann auch noch Cliffs Freundin Jennifer Blake (blutjung und supersüß: Jennifer Connely, „Hulk“) zwischen die Fronten gerät, ist der frisch gebackene Superheld nicht mehr zu bremsen. Fliegende Raketen-Menschen! Spione! 30er Jahre Gangster! Zeppeline! Schönheiten in Godet-Röcken! Nazis! Und noch viel mehr hat die Verfilmung von Dave Stevens (Cameoauftritt als Testpilot) klassischer Graphic Novel zu bieten, die übrigens bis zum heutigen Tage nicht auf Deutsch erschienen ist und wiederum auf einem alten Kino-Serial aus den 1940ern basiert.

Joe Johnston, der vor nicht allzu langer Zeit mit der „Wolfman“-Neuverfilmung baden ging, folgt sicheren Pfaden und liefert mit „Rocketeer“ eine Heldengeschichte ab, die zwar ohne allzu große Überraschungen auskommt, aber dennoch feines 90er-Jahre Kintopp zu bieten hat. Die Effekte sind für die damalige Zeit recht gut gelungen, besonders der (im wahrsten Sinn des Wortes) bombastische Showdown weiß zu gefallen. Und dabei waren anno 1991 Comic-Verfilmungen nicht an der Tagesordnung, wie sie es heutzutage zu sein pflegen. Und zugegeben – analog zu vielen der bis zum jetzigen Tage erschienen Superhelden-Flicks hat „Rocketeer“ noch reichlich Klasse. Dennoch floppte er zur damaligen Zeit an den Kinokassen gnadenlos. Woran lag es? Dazu lassen sich mehrere Faktoren benennen, und einer, der sicherlich keine kleine Rolle gespielt haben durfte, ist die Tatsache, dass ein gewisser James Cameron etwa zur selben Zeit seine zukunftsweisende „Terminator“-Fortsetzung auf die Kinogänger los ließ.

Amüsant ist Timothy Daltons Rolle des Neville Sinclair (benannt nach einer Figur aus einem Sherlock Holmes Roman), für die unübersehbar der Errol Flynn Pate stand. Man ließ Sinclair in einer Szene sogar Flynns Motto „Ich mache meine eigenen Stunts“ zitieren und mit der Tatsache, dass Flynn tatsächlich als Nazi-Spion beschuldigt wurde, ging man hier alles andere als subtil um. Doch nicht nur Daltons Charakter wurde einem Schauspieler längst vergangener Tage nachempfunden. Sein monströser Handlanger Lothar (Tiny Ron) ist die filmische Inkarnation des B-Film Schauspielers Rondo Hatton (der Michael Berryman der 1930er und 1940er), der hier als eine Komposition aus Frankensteins Monster, dem grünen Berserker Hulk und dem „Sin City“-Hünen Marv bevorzugt Sachen (und Menschen) kaputt macht.

Im Vergleich zur gezeichneten Vorlage haben sich die Drehbuchschreiber allerdings einige Änderungen erlaubt. Die größte Ummodelierung durfte den Erfinder des famosen Jet-Packs betreffen. Ist dieser im Comic noch der legendäre Doc Savage, der Mann aus Bronze, ersetzte man ihn hier durch den kapriziösen Howard Hughes. Disney hatte sich mit dem Copyright-Inhaber über die Lizenzfrage nicht einigen können und griff daraufhin auf den schillernden Tausendsassa Hughes zurück. Auch waren die Kenner des Originals über Cliffs neue bzw. umbenannte Freundin nicht erfreut. Im Comic hieß diese noch Betty Page, was Disney aber nicht begrüßte, da sie unübersehbar auf dem wohl bekanntesten Pin-Up Girl der 1950er Jahre (Bettie Page) basierte. Dave Stevens war mit ihr befreundet und wollte damit ihrer Freundschaft Tribut zollen, was aber der höchst moralische Disney Konzern in ihrer Version natürlich nicht dulden konnte, so dass sie kurzerhand in Jenny Blake umbenannt wurde. Armes, prüdes Amerika.

Wäre „Rocketeer“ ein Erfolg gewesen, so hätten wir mindestens noch eine Fortsetzung gesehen, da der 2008 verstorbene Stevens noch „Cliff‘s New York Adventure“ veröffentlichte. Nebenbei hat die Filmwelt den Machern noch eine technische Errungenschaft zu verdanken, ersannen diese für die Flugszenen doch die Shaky-Cam (Gegenteil zur Steady-Cam), die auch heute noch regelmäßig eingesetzt wird. Joe Johnston hat den Geist der Vorlage sicherlich wunderbar einfangen können, denn die Comic-Welt um Cliff und Co. ist so pulpig, das sie pulpiger nicht sein könnte. Doch zumindest anno 1991 schien das Kinopublikum wenig damit anfangen zu können. Dabei sind doch Momente, in denen etwa eine Nazi-Division in voller Montur mitten in Los Angeles auffährt, wirklich over the top. „Rocketeer“ genießt heute zwar keinen Kultstatus – wenn sich über die Definition auch trefflich streiten ließe –, aber als nur zu gerne verdrängte Fußnote des kommenden Comic-Booms geschieht ihm zweifelsfrei Unrecht. Besser als „Catwoman“ oder „Ghost Rider“ ist er nämlich allemal.

Wertung: (6 / 10)

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