Ringu / The Ring (J 1998 / USA 2002)

ringu-ring-das-originalThe Ring – Zwischen Original und Neuverfilmung

Für die Traumfabrik Hollywood ist es eine Selbstverständlichkeit, erfolgversprechende Stoffe aus dem Ausland (oder der eigenen Filmhistorie) neu aufzulegen und zeitgemäß zu interpretieren. Neuauflagen asiatischer Kinojuwele blieben bislang größtenteils aus, doch sollen Akira Kurosawas „Die sieben Samurai“ und „Yojimbo“ – aufbereitet in „Die glorreichen Sieben“ und „Last Man Standing“ – nicht unerwähnt bleiben. Ansonsten jedoch begnügte sich die amerikanische Filmindustrie in der Hauptsache damit, erfolgreiche Schauspieler und Regisseure aus Fernost in die Staaten zu locken.

Stilistisch und thematisch gibt es für Hollywood in den asiatischen Hochburgen China und Japan kaum etwas zu holen. Zu abweichend von gängigen amerikanischen Strickmustern präsentiert sich die asiatische Kinolandschaft. Doch bestätigen Ausnahmen bekanntermaßen die Regel. Eine davon trägt den Titel „The Ring“. Unter dem Namen „Ringu“ 1998 in Japan entstanden, entwickelte sich die von Hideo Nakata („Dark Water“) gedrehte Verfilmung des gleichnamigen Romans von Koji Suzuki rasend schnell zum Publikumsmagneten. Ein Hype entstand um den minimalistischen Kassenschlager, der neben vier weiteren Kinofilmen auch eine Manga-Reihe und verschiedene TV-Serien nach sich zog.

Das amerikanische Produzentengespann Walter F. Parks und Laurie MacDonald, das sich in der Vergangenheit unter anderem für „Amistad“ und „Men in Black“ mitverantwortlich zeigte, wurde schließlich auf „Ringu“ aufmerksam und sicherte sich kurzerhand die US-Verwertungsrechte. Realisiert wurde die Amerikanisierung des Horror-Kleinodes vom ehemaligen Werbefilmer Gore Verbinski („The Mexican“).

the-ring-2002Unter mysteriösen Umständen kommen zur gleichen Zeit vier Teenager ums Leben, darunter die Nichte der Reporterin Reiko (Nanako Matsushima) bzw. deren US-Pendant Rachel (Naomi Watts). Bei der Beerdigung wird die resolute Journalistin zum ersten Mal mit der Geschichte eines mysteriösen Videobandes konfrontiert, das dem Betrachter eine alptraumhaft collagierte Szenenfolge offenbart und durch einen geheimnisvollen Anruf im Anschluss ein lediglich siebentägiges Fortleben prophezeit. Bei ihren Recherchen entdeckt Reiko / Rachel tatsächlich besagtes Band und ist zutiefst erschüttert, als kurz nach dem verstörenden Clip wahrhaftig das Telefon läutet.

Sie konsultiert ihren Ex-Freund Riuji (Hiroyuki Sanada), bzw. Noah (Martin Henderson), der sich das Video ohne ihre Zustimmung ebenfalls anschaut, der Legende um die tödlichen Folgen der Betrachtung aber keinen Glauben schenkt. Das ändert sich jedoch  schlagartig, als kurze Zeit später auch ihr gemeinsamer Sohn das Band zu Gesicht bekommt. Von schrecklichen Visionen und Erscheinungen heimgesucht, forschen die beiden nach den unheimlichen Hintergründen des Videos. Doch die ohnehin knapp bemessene Zeit schreitet unaufhaltsam voran.

Regisseur Hideo Nakata, der auch die ein Jahr später entstandene Fortsetzung „Ringu 2“ drehte, hat mit „Ringu“ einen zutiefst beängstigenden Horror-Thriller vorgelegt, der auf der Basis einer minimalistischen Strukturierung ein absolutes Höchstmaß an Atmosphäre und Spannung kreiert. Der für den asiatischen Raum erstaunlich geradlinige Film verzichtet fast vollständig auf eine Weichzeichnung der Charaktere und lässt viele Begebenheiten lediglich angedeutet. Es versteht sich beinahe von selbst, dass die amerikanische Neuauflage solcherlei Stilmittel weitgehend ausklammert. Der Zuschauer muss sich schließlich mit den Protagonisten identifizieren können.

So wird der Charakterisierung der Figuren in „The Ring“ zwar weitaus mehr Bedeutung zugemessen, vielschichtiger präsentieren sich diese dadurch jedoch kaum. Ähnlich verhält es sich auch im Hinblick auf den Erzählrhythmus. Während „Ringu“ auf eine statische, beinahe andächtige Kameraarbeit zurückgreift und phasenweise in dialogarme Passagen ohne musikalische Untermalung verfällt, beschränkt sich das Remake erwartungsgemäß auf ein rasches Fortschreiten der verbal deutlich angereicherten Geschichte. Optisch hervorragend eingefangen von Bojan Bazelli („King of New York“), unterscheidet sich dessen Stil zwar grundlegend von dem des japanischen Kameramannes Junichiro Hayashi („Pulse“), doch profitieren eindeutig beide Filme von den auf ihre Art bestechenden Bildkompositionen.

Einer der größten Schwachpunkte von „The Ring“ bildet indes der für Hollywood beinahe typische Erklärungszwang. Die US-Version ist zu oft mit Szenenerweiterungen angereichert, deren Schilderung das Original einfach nicht bedurfte und wo dem Zuschauer schlicht mehr Erwartungs- und Interpretationsspielraum offengelegt wird. Jener wird beim Neuaufguss zugunsten von zahlreichen Vorwegnahmen, die dem Fernseher bereits zu früh eine entscheidende Bedeutung zukommen lassen, ausgeklammert, die Story somit ihrer subtilen Elemente beraubt. An deren Stelle treten bei „The Ring“ wohldosierte Schocks bewährter Natur, etwa der Blick in einen langen Flur, der durch eine offene Kühlschranktür verdeckt wird und die Erwartung an verborgenes Grauen schürt.

Doch hält sich vorhersehbare Effekthascherei dieser Gangart bei Gore Verbinskis Neuinterpretation glücklicherweise in Grenzen, auch wenn sein „Ring“ im Gegensatz zum grandiosen Original nicht auf actionbetontere Sequenzen und eine spärlich eingesetzte Menge Kunstblut zu verzichten vermag. Zusätzlich erscheint die Ausstaffierung der Rolle von Rachels Filius Aidan, gespielt von David Dorfman („Panic“) schlichtweg überflüssig. Die von Drehbuchautor Ehren Kruger („Scream 3“) für den US-Markt umfunktionierte Geschichte ist im direkten Vergleich weniger stimmig. Schwerer wird die Gegenüberstellung schon beim Blick auf die darstellerischen Leistungen.

Nanako Matsushima („Ringu 2“) und Hiroyuki Sanada („Ninja Wars“) nehmen sich der im Grunde wenig personalisierten Charaktere in „Ringu“ auf dezente Weise an und verleihen ihnen aufgrund ihres zurückhaltenden Spiels klar definierte Konturen. Diese genügen bei relativ geringem Einsatz denn auch gänzlich, die in sich verschachtelte Geschichte zu tragen. Die glänzende Naomi Watts („Mulholland Drive“) und Filmpartner Martin Henderson („Windtalkers“) haben da schon einen etwas schwereren Stand. Doch gelingt es ihnen – und Nebenaktueren wie Brian Cox („Die Bourne Identität”) – mit feinem Gespür für Timing und Gestik problemlos, diese Herausforderung zu meistern.

Gore Verbinski ist eine solide bis überzeugende Neuverfilmung des japanischen Vorgängers gelungen, die die schaurige Atmosphäre des Originals weitgehend zu transferieren versteht und die einzelnen Teile der Geschichte überwiegend integriert, das auch nachhaltig schockierende, in Hollywood jedoch merklich effektheischendere Finale eingeschlossen. Auch wenn der bei „Ringu“ hoch angesetzte und über die gesamte Länge des Films konstant aufrecht erhaltene Spannungsbogen im Verlaufe des Neuaufgusses merklich abfällt, bleibt „The Ring“ ein durchaus sehenswerter Mystery-Thriller. Im direkten Vergleich jedoch hat Hideo Nakatas virtuos in Szene gesetztes Original deutlich die Nase vorn.

Ring – Das Original: Wertung: 8 out of 10 stars (8 / 10)

The Ring: Wertung: 6.5 out of 10 stars (6,5 / 10)

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