Ray Donovan (Season 1) (USA 2013)

ray-donovan-season-1„You’re my favorite, Ray. You always were. We’re alike, the two of us. The same exactly.“ – Die Wahrheit schmerzt: Mickey

Wenn nichts mehr hilft, hilft Ray Donovan. Der zweifache Familienvater arbeitet hinter der glitzernden Fassade Hollywoods für ein Anwaltsduo – und steht Prominenten aus Film- und Musikbranche bei, wenn diese in Schwierigkeiten stecken. Das klingt erst einmal nobel, die Realität allerdings sieht anders aus. Denn der von Liev Schreiber („Defiance – Unbeugsam“) nuanciert gespielte Ray ist alles, nur kein Samariter. Für die Klienten schafft er an einer Überdosis verstorbene Nutten aus dem Weg oder bedroht Klatschjournalisten, wenn diese pikante Details aus deren Sexleben zu veröffentlichen gedenken. Ray ist selbst mehr Hure als Heiliger. Seine innere Zerrissenheit, die er nur zu gern in Alkohol ertränkt, hat aber, wenn schon nicht gute, so doch immerhin plausible Gründe.

Verknüpft sind sämtliche Traumata mit Vater Mickey (brillant und Golden Globe prämiert: Jon Voight, „Asphalt Cowboy“), der nach 20 Jahren Gefängnis in Boston auf freien Fuß gesetzt wird. Das erste, was er nach der Freilassung macht, ist der Besuch einer Kirche. Jedoch nicht aus religiösen Gründen, sondern um dem dort eingesetzten Priester in den Kopf zu schießen. Über die vielzitierte und hochgelobte Ambivalenz amerikanischer Fernsehserien braucht man sich also auch bei „Ray Donovan“ keine Sorgen zu machen. Nach der Bluttat begibt sich Mickey unverzüglich nach Kalifornien, um die Familie zu besuchen und sich ein neues Leben aufzubauen. Die Vergangenheit will er auf sich beruhen lassen, was angesichts des Zustands seiner Kinder jedoch leichter gesagt als getan ist.

Denn neben Ray, der sich durch die Arbeit von Frau Abby (Paula Malcomson, „Deadwood“) – und damit unweigerlich auch den Teenagersprösslingen Bridget (Kerris Dorsey, „Brothers & Sisters“) und Conor (Devon Bagby) – distanziert, sind da noch seine beiden Brüder. Terry (Eddie Marsan, „Drecksau“) war früher Boxprofi. Durch ein Nervenleiden, das einen Arm permanent zucken lässt, wurde die Karriere beendet. Mittlerweile betreibt er ein Boxstudio, wo er Mickeys aus einem Seitensprung resultierten afroamerikanischen Sohn Daryll (Pooch Hall, „The Game“) trainiert. Bunchy (Dash Mihok, „Silver Linings“) hingegen ist Alkoholiker. Als Kind wurde er von einem Priester sexuell missbraucht. Klarheit über die wahre Zerrüttung der Familie schafft erst das Ende der eröffnenden Staffel. Auslöser ist Bunchys zufälliges Aufeinandertreffen mit jenem Geistlichen, der ihn als Kind vergewaltigte.

„You did the right thing then. You’re doing the right thing now — for everyone.“ – Ezra

Das Hollywood-Setting weckt den Verdacht glamouröser Inszenierung und/oder satirischer Übersteigerung. Serienerfinderin und Autorin Ann Biderman („Southland“) wählt den denkbar besten Weg, indem sie das Gros der Handlung von Glanz und Schein entfernt erzählt. Zudem beschränkt sie sich entgegen geweckter Erwartungen durch die Pilotfolge nicht auf eine in verschiedene Auftragsszenarien eingebettete Rahmenhandlung, sondern bleibt kontinuierlich bei den Hauptprotagonisten und ihren glaubhaft abgebildeten Problemkomplexen. In deren Zentrum steht Rays Verachtung für Mickey, die letztlich so weit führt, dass er in Boston den alternden Auftragsmörder Sully (James Woods, „Shark“) anheuert, um seinen Vater aus dem Weg zu räumen.

„Ray Donovan“ wechselt munter zwischen großem Drama und balladesker Gangstergeschichte hin und her. Bei aller Belastung, bei allen Fehlern, bleiben die Protagonisten (meist) liebenswert. Die erstklassige und spielstarke Besetzung lotet aber nicht allein die Abgründe der Figuren aus, sondern auch deren überspitzte Charakterzüge. Neben Rays Auftraggeber und väterlichem Freund Ezra Goodman (Altstar Elliott Gould, „M*A*S*H“), der durch einen Hirntumor zu wunderlichem Verhalten neigt, trifft dies insbesondere auf den steifen FBI-Agenten Van Miller (Frank Whaley, „Pulp Fiction“) zu. Der hat für Mickyes Entlassung gesorgt, um Beweise gegen verschiedene Kriminelle sammeln zu können – darunter auch Ezra und Ray.

Unterschwelliger Humor ist bei aller aufkeimenden Bitterkeit integraler Teil der Geschichte. Einen nicht unerheblichen Beitrag leisten dazu die Nebenfiguren. Wenn Miller einen unfreiwilligen LSD-Trip erlebt, bleibt garantiert kein Auge trocken. Absurde Momente werden aber auch Rays Angestellten Avi (Steven Bauer, „Scarface“) und Lena (Katherine Moenning, „The L-Word“) gewährt, die ihm als loyales Fußvolk sichere Anker sind. Ein ums andere Mal darf dem Zuschauer das Lachen aber auch im Halse stecken bleiben. So etwa, wenn der empathisch degenerierte Mickey während eines Besuchs von Bunchys Missbrauchsopfer-Selbsthilfezirkels zwecks Auflockerung einen Pädophilen-Witz erzählt.

Dass Mickey trotzdem sympathisch erscheint, führt beim zunehmend zu extremen Reaktionen neigenden Ray zum genauen Gegenteil. So verschwimmen beständig klassische Konturen von Recht und Unrecht. Befeuert wird das Missverhältnis zwischen Vater und Sohn durch Ezra und den paranoiden Hollywood-Star Sean Walker (Johnathon Schaech, „That Thing You Do!“), der Aufschluss über die Hintergründe von Mickyes Inhaftierung gibt. Die Art, wie Biderman die Geschichte auserzählt, ist schlicht phänomenal. „Ray Donovan“ schiebt die Messlatte für das hochqualitative Nebeneinander von Anspruch und Unterhaltung im US-TV ein neuerliches Stück nach oben. Das einzige aus dieser brillanten Staffel resultierende Problem ist denn auch, dass eine Fortsetzung angesichts des in sich geschlossen wirkenden Ausklanges fast überflüssig erscheint. Aber angesichts dieser Qualität eben auch nur fast.

Wertung: 9 out of 10 stars (9 / 10)

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