Ravenous – Friss oder Stirb (USA 1999)

ravenousDu bist, was Du isst…

Trifft ein Film den Nerv des anvisierten Publikums absolut unvorbereitet, so ist ein kommerzieller Misserfolg zumeist unweigerlich vorprogrammiert. Greift ein solches Machwerk obendrein auf das Tabuthema Kannibalismus zurück, schmückt leichter Hand Historiendrama mit bluttriefendem Horrorfilm und lässt diese morbide Symbiose unverhohlen in einer Bilderflut geradezu belustigender Perversion erstrahlen, sind erhitzte Gemüter und peinlich berührte Seelen fester Bestandteil stürmischer Gegenwehr. Doch hat sich der pikierte Orkan anfeindender Bigotterie erst einmal gelegt, tritt die treue Basis durchgeknallter Filmfreaks auf den Plan, welche jener Ausgeburt kinematographischer Exzentrik den goldenen Lorbeerkranz kultischer Verehrung auf das gescholtene Haupt legen. Audivisuelle Grenzerfahrungen dieser Art, roh, bitterböse und in keiner erdenklichen Weise massenkompatibel, repräsentiert wohl kein Film eindrucksvoller als Antonia Birds rigorose Schlachtplatte „Ravenous”.

Noch vor dem Einsetzen der Anfangstitel suhlt sich diese Inkarnation gustiöser Geschmacklosigkeiten bereits in schwärzestem Humor. Einem tiefsinnigen Zitat Friedrich Nietzsches – „He that fights with monsters should look to himself that he does not become a monster.” – wird unter lautem Wolfsheulen und dem comichaften Aufprallgeräusch eines Pfeils die in weißen Lettern anonym rezitierte Phrase „Eat Me” entgegengeschmettert. Was anmutet wie das makabre schielen auf einleitendes Schmunzeln, verwandelt sich bei fortschreitender Darlegung des minimalistischen Handlungskonzepts jedoch in die puristische Primärdirektive.

Amerika im Jahr 1847: Mehr durch Feigheit denn Heroismus avanciert der junge Armeeoffizier John Boyd (Guy Pearce, „Memento”) zu einem gefeierten Helden des Krieges der Amerikaner gegen ihre mexikanischen Nachbarn. Aufgrund seines zart besaiteten Charakters und der Abneigung gegenüber sprudelndem Lebenssaft wird der vermeintliche Mustersoldat von seinen Vorgesetzten jedoch an den abgeschiedenen kalifornischen Außenposten Fort Spencer abkommandiert, Auffangbecken für den illustren Bodensatz der Armee unter dem Sternenbanner. Die vorherrschende Gemütsruhe der handvoll dort stationierten Kräfte wird jäh unterbrochen, als der ausgemergelte Siedler Colqhoun (Robert Carlyle, „Trainspotting”) das Fort erreicht. Wie dieser berichtet, fielen einige seiner Begleiter, nachdem die Gruppe vor dem hereinbrechenden Winter in einem schützenden Höhlensystem Zuflucht gefunden hatte, dem kannibalischen Militäroffizier Ives zum Opfer. Unverzüglich macht sich ein Stosstrupp auf, potentielle Überlebende aus ihrer misslichen Lage zu befreien.

Doch an besagter Stätte angekommen, offenbart Colqhoun sein wahres Antlitz. Der Reihe nach massakriert er die Soldaten, einzig Boyd kann dem Tode durch einen beherzten Sprung in einen Abgrund retten. Schwer verwundet bleibt auch ihm zum Überleben nichts anderes übrig, als selbst der Verköstigung eines gemeuchelten Kameraden zu frönen. Bei seiner Rückkehr ins Fort schenkt niemand Boyds Geschichte um den tückisch mordenden Siedler Glauben. Als ein neuer Kommandant das Lager erreicht, muss der Überlebende zu seinem Entsetzen feststellen, dass sich sein wahnsinniger Peiniger in der Zwischenzeit zum Armeeoffizier gemausert hat.

Vordergründig auf Atmosphäre denn stringente Narration bedacht, besticht „Ravenous” neben der eigenwilligen Inszenierung durch ein Füllhorn makabrer Ideen. Abgründige Elemente in der Beschaffenheit der Geschichte werden durch die schwarzhumorischen Tendenzen kontinuierlich untergraben. Auf diese Weise erhält der bierernste Grundtenor des Films einen grotesken Anstrich, der nicht nur in den homoerotischen Tendenzen dieser vampiresken Posse reflektiert wird. Von blankem Zynismus geprägt, erweist sich „Ravenous” als anachronistischer Geniestreich – ein orgiastischer Blutrausch vor der schroffen Kulisse zerklüfteter Gebirgsketten und schneebedeckter Weiten. Glänzend photographiert und stimmungsvoll montiert, untermalen die eigensinnigen Klangkompositionen von Blur-Frontmann Damon Albarn in fruchtbarer Interaktion mit Komponist Michael Nyman („Gattaca”) das gnadenlose Treiben.

Für einen Film dieser Kategorisierung geradezu feudal besetzt, agiert an der Seite der exzellent überzogen zu Tische bittenden Protagonisten Guy Pearce und Robert Carlyle eine Riege erstklassiger Chargenspieler. David Arquette („Scream”), Jeffrey Jones („Sleepy Hollow”), Jeremy Davies („Dogville”) und Neal McDonough („Walking Tall”) bürgen für reizvolle Darbietungen bis in die hinteren Reihen des Casts. Inmitten der Dreharbeiten für den aufgrund künstlerischer Differenzen ausgeschiedenen Regisseur Milcho Manchevski eingesprungen, entbietet die britische Filmemacherin Antonia Bird („Face”) hier Unterhaltung entarteter Natur. Ungewöhnlich wie gleichermaßen extravagant bricht die 12 Millionen Dollar teure Produktion mit den Konventionen des Genrekinos, gerät in seinen intensivsten Momenten gar zur ätzenden Satire auf menschliche Gier.

Das finale Schlussduell der Menschenfleisch favorisierenden Opponenten zählt in seiner physischen Direktheit, neben der fidelen Frikassierung der beiden Oscarpreisträger Tommy Lee Jones und Benicio del Toro in „Die Stunde des Jägers”, zu den rabiatesten Zweikämpfen im amerikanischen Kino der letzten Dekade. Denn bevor die überzeugte Vegetarierin Antonia Bird den Zuschauer in den sarkastischen Ausklang entlässt, bekriegen sich Robert Carlyle und Guy Pearce mit allem, was Haus und Hof hergeben. Für die einen degoutante Perversion, für die anderen kultverdächtiges Kino der Extreme. In welche Richtung die individuelle Urteilsfindung letzten Endes auch tendieren mag, deftig aufbereitet ist der tiefrote Eintopf aus suppendem Lebenssaft und in Leiber gestoßene Alltagshilfen allemal. Wohl bekommts!

Wertung: (7 / 10)

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