Radio Havanna – Utopia (2018, Dynamit Records)

Die Utopie ist ein gesellschaftliches Ideal, mit dem die Missstände der Gegenwart ausgeräumt werden. Gemessen am aktuellen politischen Klima in Deutschland, Europa und anderen Erdteilen könnte man, sofern man sich in die Perspektive eines vergangenen Zukunftsweissagers versetzen möchte, glatt in einer Dystopie wähnen: Rechte im Bundestag, rassistisch-revisionistische Parolen skandierende Bürgerbewegungen auf den Straßen und kulturelle Abschottungstendenzen in den Köpfen. RADIO HAVANNA halten trotzdem am Traum einer besseren Welt fest. Nicht umsonst trägt ihr sechstes Album die Überschrift „Utopia“.

Der dazu passende Titelsong blickt tatsächlich auf das, was sein könnte: die Überwindung eines Systems der Ungleichheit. Das Gros der übrigen 11 Nummern schweift jedoch nicht in ferne Gedankenspiele ab, sondern verharrt im hier und jetzt: Die besten davon sind „Faust hoch“, eine bockstarke Hymne gegen AfD, Pegida & Co., und „Mein Name ist Mensch“, der den kollektiv-kapitalistischen Raubbau unseres Planeten anprangert. Die Form des Ganzen ist (natürlich) deutschsprachiger Punk-Rock mit ausgeprägt hymnischem Charakter. Dabei scheint es, als würden die (Wahl-)Berliner mehr und mehr von den Clubs in die Stadien drängen. Parallelen zu Bands wie den TOTEN HOSEN (als diese noch Punk boten) sind dabei kaum mehr von der Hand zu weisen.

Genau da liegt die Krux, sofern man denn unbedingt das Haar in der grundlegend packenden Punker-Suppe suchen will: Die rockigen Extrarunden vieler Tracks samt zum rhythmischen Sportklatschen einladenden Innehaltens wirken kalkuliert. Der Blick schweift gen Massenpublikum. Das verdeutlicht nach großer erster (ein definitives Highlight: „Früher als Späti“) die eher routiniert zu Ende verwaltete zweite Hälfte der Platte. Die fährt neben eher belangloseren Beiträgen wie „Hassliebe“ auch die zum Feuerzeugschwenken animierende Ballade „Houston“ auf. Dennoch ist das Meckern auf hohem Niveau, denn „Utopia“ ist ein klares Bekenntnis zu einer weltoffenen Gesellschaft, verpackt in wuchtigen Stadion-Punk und garniert mit vielen Singalongs. Zumindest die Gegenwart wird dadurch ein kleines Stück besser.

Wertung: (7,5 / 10)

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