Public Enemies (USA 2009)

public-enemies„We’re having too good a time today. We ain’t thinking about tomorrow.“ – Dillinger

Mit jedem neuen Film wird Michael Mann („Heat“) mehr und mehr zum Zugpferd einer realitätsbetonten Hollywood-Strömung. Fest machen lässt sich dies nicht am Inhaltlichen, das er zwar mit wirklichkeitsnahen, mitunter auch historischen Stoffen unterfüttert, grundlegend aber der Konvention spezifischer Genres verpflichtet bleibt. Das Besondere an seinen Werken ist seit der Sportlerbiographie „Ali“ die Optik, der Einsatz von digitalen Kameras. Sie rauben dem Medium Film seine Künstlichkeit und eröffnen eine hyperreale Darstellungsweise, die das Breitwanderlebnis auf einer quasi-dokumentarischen Ebene erdet.

Mit dieser Methodik unterminierte Mann bereits erfolgreich die Erwartung an das Leinwand-Remake des hochglänzend farbintensiven TV-Klassikers „Miami Vice“. Die Sublimierung dieser potentiell verstörenden Abkehr vom normierten, mehr noch traditionellen Produktionsschema gelingt ihm mit dem Kriminal-Drama „Public Enemies“. Darin erzählt der Regisseur, Produzent und Co-Autor von der Karriere des populären Bankräubers John Herbert Dillinger, der das von der Weltwirtschaftskrise gebeutelte Amerika der frühen dreißiger Jahre in Atem hielt. In der Bevölkerung erfreute er sich dennoch einer gewissen Beliebtheit, ließ er den kleinen Leuten doch stets ihr Erspartes.

Verkörpert wird der charismatische Gangster von Johnny Depp („Fluch der Karibik“), der sich überzeugend, jedoch ohne große Anstrengung mit Maßanzug und Maschinenpistole schmückt. Mit diversen Komplizen – u.a. Stephen Dorff („World Trade Center“) und David Wenham („Der Herr der Ringe“) – bereitet er dem FBI, der noch im Aufbau befindlichen Bundes-Ermittlungsbehörde unter J. Edgar Hoover (Billy Crudup, „Watchmen“), schlaflose Nächte. Also wird der knallharte Lawman Melvin Purvis (stoisch: Christian Bale, „The Dark Knight“) auf die Verbrecherbande angesetzt.

Verwundbar macht Dillinger, der im Juli 1934 auf offener Straße von Polizisten erschossen wurde, die Liebe zu Außenseiterin Billie Frechette (Oscar-Preisträgerin Marion Cotillard, „La Vie en Rose“), die zur Zeit seines Todes bereits im Gefängnis saß. Mann bauscht die bekannten Fakten nicht zum überlebensgroßen Melodram auf. Sein Film erscheint fast zwanghaft unspektakulär, im Schauspiel zurückgenommen, in der Erzählung konventionell. Den nötigen Reiz schafft das Visuelle, der Konflikt zwischen Zeitkolorit und Moderne, der mit großem Aufwand errichteten (Schein-)Welt der großen Depression und der nie verklärenden, bevorzugt verwackelten digitalen Fotographie. Ein durchaus sehenswerter Thriller. Nur eben ohne große Substanz.

Wertung: (6,5 / 10)

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