Pickpocket (F 1959)

pickpocket-1959Dem cineastischen Neorealismus entsprang die Nouvelle Vague, die Neue Welle. Der französische Film der Nachkriegszeit fußt auf stilistischen Vorgaben, die Ende der Neunziger auch das sogenannte „Dogma“-Manifest Lars von Triers prägen sollten. Handkamera, natürliches Licht, unmittelbarer Ton, Originalschauplätze. Die Magie des Kinos wich der ungeschönten Alltagsbetrachtung. Weit entfernt vom Pomp Hollywoods wurden Zeichen für den Film als Kunstwerk gesetzt. Einer der Auteure, die Personalunion aus Autor und Regisseur, dieser Ära ist der 1999 verstorbene Robert Bresson.

Mit schier monologischen Werken wie „Tagebuch eines Landpfarrers“ reduzierte Bresson die Dramaturgie auf das Wesentliche. Die Nüchternheit der Erzählung, die Kargheit der Bilder sind die prägnantesten Elemente seines Oeuvres. Auch das 1959 gedrehte Kriminal-Drama „Pickpocket“ entspricht ganz der künstlerischen Strenge des Filmemachers. Obwohl das Opus in seiner moralischen Gültigkeit über die Jahrzehnte Staub angesetzt hat, ist der Film in seiner virtuosen Inszenierung bis in die Gegenwart bedeutsam.

Die Handlung ist eine Studie sozialen Abstiegs. Der arbeitslose Michel (Martin LaSalle, „Alamao Bay“) schlägt sich in der großstädtischen Anonymität als Taschendieb durchs Leben. Weder sein Freund Jacques (Pierre Leymarie), noch die Zuneigung zur jungen Jeanne (Marika Green, „Emmanuelle“) können ihn von der moralischen Verwerflichkeit seines Treibens überzeugen. Früh verdächtigt ihn ein Kommissar (Jean Pélégri, „Die Sandburg“). Doch auch dessen Versuche bringen Michel nicht auf den rechten Pfad zurück. Zu spät realisiert er die Möglichkeit der Läuterung durch die Liebe.

Am Beispiel eines Tagediebs hält Robert Bresson der Gesellschaft einen Spiegel vor. „Pickpocket“ ist ein Film über ungenutzte Chancen, das Scheitern aus eigener Engstirnigkeit. Anfangs sind Taschendiebstähle mehr ein Hobby für Michel, eine Art sportlicher Wettbewerb. Unter professioneller Anleitung wird aus dem Amateur rasch ein Veteran. Mit der begnadet inszenierten Folge kollektiver Raubzüge an einem Bahnhof schafft Bresson den visuellen Höhepunkt eines unscheinbaren Dramas. Der Ton ist sachlich, nüchtern, die Regie konzentriert bis zum einsichtigen Schlusspunkt hinter Gittern. Ein strukturiertes Werk von gehobener Güte.

Wertung: (8,5 / 10)

 

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