Phantasm – Das Böse (USA 1979)

phantasm„Boy!“ – Ein großer Mann, aber kein Mann großer Worte: Der Tall Man

Mit dem „Kult“-Siegel werden zahllose Horrorfilme behangen. Selten jedoch fügte sich die inflationär subjektive Ehrung so verdient über das Genre wie im Falle des Low Budget-Gruslers „Phantasm“ (deutscher Titel: „Das Böse“). Don Coscarelli („Bubba Ho-Tep“) ließ sich Zeit für seine dritte Regiearbeit. Über fast zwei Jahre erstreckte sich die Produktionsphase. Als ersichtlich wurde, dass der ambitionierte Drehplan unmöglich eingehalten werden konnte, verlegte er die Drehs aufs Wochenende. So kamen mehrere Stunden Material inklusive verschiedener Entwürfe für das Finale zusammen. Einige der nicht verwendeten Szenen sollten in den bis 1997 entstandenen drei Fortsetzungen ihren verdienten Platz finden.

Coscarelli, der neben Buch und Regie auch den Schnitt und die Kameraführung übernahm, drehte fast ausschließlich mit Studienfreunden und verpflichtete seinen Vater D.A. Coscarelli als Produzenten. Dieser musste sogar noch einen seiner Anzüge und ein paar Lederstiefel mit stattlichen Absätzen beisteuern, um eine der sonderbarsten Figuren des modernen Horrorfilms zum Leben zu erwecken: den Tall Man. In dessen Rolle wurde der (eigentlich gar nicht so ungewöhnlich große) Mime Angus Scrimm, der mit Coscarelli bereits bei „Jim, the World’s Greatest“ zusammengearbeitet hatte, zu einer Ikone des Genres. Und die sorgt mit strengem Blick und übermenschlichen Kräften dafür, dass unheimliche Dinge auf dem kleinstädtischen Morningside-Friedhof vor sich gehen.

Deren Zeuge wird der 13-jährige Mike (A. Michael Baldwin, „Kenny & Company“), dessen Bruder Jody (Bill Thornbury, „Summer School Teachers“) für die Fantastereien ebenso wenig übrig hat wie sein Freund, der gutmütige Eisverkäufer Reggie (Coscarelli-Regularie Reggie Bannister). Als die Überzeugungsversuche keine Wirkung zeigen, schleicht sich Mike eines Nachts ins Mausoleum des Friedhofs. Dort wird er nicht nur von einer todbringenden fliegenden Stahlkugel, einer sogenannten Sphäre, attackiert, sondern auch von kleinwüchsigen Kreaturen, die den Javas aus „Star Wars“ verblüffend ähnlich sehen. Selbst der Tall Man, der Särge stemmt als seien sie aus Pappe und die Gestalt einer drallen Frau in Lavendel (Kathy Lester) annehmen kann, stellt dem kleinen Schnüffler nach.

Doch diesmal gelingt Mike die Sicherstellung eines Beweisstücks: Ein abgeschnittener Finger, aus dem gelbes Blut tropft – und der sich nach einiger Zeit in ein putzig getrickstes Insekt mit spitzen Zahnreihen verwandelt! Coscarellis obskurer Ideenreichtum ist mit der Schnelllebigkeit des modernen Horrors, der immer öfter fragwürdige Gewaltexplikation in den Mittelpunkt rückt, nicht überein zu bringen. Verpflichtet scheint „Phantasm“, dessen bis heute aufrecht erhaltene Indizierung kaum mehr zu rechtfertigen ist, vielmehr klassischem Gruselkino, das durch psychedelische Nuancen stimmungsvoll in die Gegenwart der Neunzehnsiebziger übersetzt wurde.

Alptraumhaft und mysteriös entspinnt sich die Geschichte, ohne sich der Vorgabe gesteigerten Tempos unterwerfen zu müssen. Coscarelli erzählt sein abgründiges und trotzdem humorvolles Erwachsenenmärchen bedächtig und steigert die Spannung durch Andeutungen, die unheimliche Präsenz des Tall Man und nicht zuletzt Fred Myrows („Soylent Green“) gelungenen Score. Die Inszenierung ist preisbewusst, wirkt trotz simpler Tricks aber nicht billig und ungeachtet des grundlegenden Trash-Appeals auch nie lächerlich. „Phantasm“ ist ein vortreffliches Beispiel dafür, dass eine originelle und fantasievolle Idee nicht durch geringe Mittel gehindert wird. Ein noch immer weithin unterschätzter Klassiker, den Coscarelli über die drei Fortsetzungen zur epischen Saga des Untergangs ausweitete.

Wertung: (8 / 10)

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