Patent Pending – Armageddon (2015, Rude Records)

patent-pending-armageddonEs war ein widerlicher Anblick zu dem mich das Revier geschickt hatte. Dort lag er, erdrosselt mit einer Gitarrensaite, in einer Pfütze aus Blut und Erbrochenem. „Was wisst ihr?“, raunte ich McDougal zu, meinem Kollegen seit 20 Jahren, kurz vor seiner Pensionierung. „So etwas habe ich noch nicht gesehen“, sagte McDougal, bleich wie ein Bettlaken. Selten hatte ich meinen Kollegen so erlebt. McDougal war beileibe niemand, dem man einen empfindlichen Magen nachsagen würde. Ich stand vor einer schweren Aufgabe. Die Forensiker hatten Spuren von Autotune und Reste von Headsets, die das choreographierte Tanzen beim Playback ermöglichen, gefunden. Nicht viel, um meine Ermittlungen zu starten, aber Rock war tot und jemand musste dafür gerade stehen.

Mein erster Anlaufpunkt waren ein paar alte Bekannte. ONE DIRECTION, allerdings leider mit wasserfestem Alibi. Kurz darauf fand ich mich auf der Couch von 5 SECONDS OF SUMMER wieder. Sie wussten etwas, aber sie schwiegen – vermutlich aufgrund des bewaffneten Managers, der Schlagzeilen verhindern wollte. Nach Feierabend verschlug es mich in eine ranzige Spelunke, in der ich meinen Frust ertränken wollte. Ein verstörter Punker auf dem Barhocker neben mir zog meine Blicke auf sich. Plötzlich, von einem Moment auf den nächsten, brach der Mann mit dem gewaltigen Iro in Tränen aus. Auch er hatte seine Dämonen. Ich fragte ihn, was ihm widerfahren sei. „Ich habe einiges erlebt, aber noch nie so etwas“ klagte der Punker, die Wortwahl ähnlich meinem Kollegen McDougal – ich wurde hellhörig. „Widerlich, zielgruppenorientiert, Rockmusik für Werbespots, glattproduziert…“ entfuhr es ihm, bevor ihm sein Mageninhalt auf den Boden der Kneipe entfuhr. Er gab mir eine Adresse, an der ich PATENT PENDING auffinden sollte. Eine Gruppe infantiler, aalglatter junggebliebener Menschen – vermutlich in ihren Dreißigern. Bevor die Fünf ihren Teeniecharme auf mich richten konnten, hatten meine Kollegen das Gebäude umstellt. Das Forensiker-Team hatte schnell dieselben Autotune-Frequenzen und ein zerbrochenes Headset in das Mülltonne hinter dem Tanzstudio gefunden, in dem PATENT PENDING zuvor geprobt hatten.

Auf dem Revier angekommen, gestanden die Milchgesichter sofort. Mit „Brighter“ waren die fünf Mädchenschwärme im choreographierten Stechschritt in Rocks Mietwohnung gestiefelt, mit „The Way I See It“ hatten Sie ihn und alles, wofür er in Lebzeiten stand, verspottet. „Tick Tick Boom“ muss für Rock pure Folter gewesen sein – vermutlich der Moment, als er aufgrund des Gedankens an Zielgruppenanalysen und Marketing-Stylisten seinen Magen entleert hatte. Zuletzt hatte „We’re Getting Weird“ Rock den Rest gegeben. Hochpeinliche Rumpelrap-Parts hatten ihn zunächst am Kopf getroffen, bis er zu choralen Knabengesängen und verzweifelten Popkultur-Referenzen seinen letzten Lebensfunken aushauchte. Nach dem Geständnis sollte der Anwalt von PATENT PENDING das Haus erreichen und sein Bestes tun, um die Band nach dem Jugendstrafgesetzbuch zu verurteilen. Was er nicht wissen konnte: Der zuständige Richter und ich hatten nicht einmal 20 Minuten zuvor im Auto gemeinsam die letzte Platte von THE CHARIOT gefeiert…

Wertung: (2 / 10)

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