Opium – Tagebuch einer Verrückten (HU/D/USA 2007)

opium-tagebuch-einer-verruecktenDer Alltag im Irrenhaus ist entwürdigend. Die Ärzte und die sie unterstützenden Nonnen quälen die Insassen auf der Suche nach dem Schlüssel zur Heilung. Elektroschocks, Tauchbäder, Zwangsernährung, im Dienste einer geisteswissenschaftlichen Entmenschlichung wird Folter zum einzigen Weg. Die kalten, schmucklosen Räume der Anstalt wirken wie die Gewölbe eines Kerkers und scheinen vollgestopft mit Apparaturen, die mehr dem Traktat der Kranken zu dienen scheinen als ihrer Heilung. Das Jahr ist 1913 und dennoch wirken die Behandlungsmethoden mittelalterlich.

An diesem unwirtlichen Ort kreuzen sich die selbstzerstörerischen Pfade von Dr. Brenner (Ulrich Thomsen, „Adams Äpfel“) und Gizella (stark: Kirsti Stubø, „The Greatest Thing“). Er ist Psychologe, ein Verfechter sanfter, auf analytischen Versuchsreihen beruhenden Therapieformen und Theorien – solche wie Über-Ich und Penisneid. Die Psychoanalyse aber hat ihm die Kraft zum Schreiben geraubt und die Blockade bekämpft er mit flüchtigem Sex und immer größer werdenden Mengen an Morphium. Sie hingegen ist seine Patientin, glaubt der Teufel wäre in sie gefahren und würde sie innerlich verzehren.

Der ungarische Regisseur Jánoz Száz („Die Witman Brüder“), der auch am Drehbuch mitschrieb, seziert in „Opium – Tagebuch einer Verrückten“ den obsessiven Geist seiner Figuren. Die teils apathische, teils hysterische Gizella, die sich verkrampften Körpers im Bette krümmt, der Teint so weiß wie der schmucklose Kittel, fasziniert Brenner, weil die geschriebenen Worte aus ihr regelrecht heraussprudeln. Über Jahre hat sie in rasendem Eifer eine Vielzahl von Tagebüchern verfasst, deren direkte Sprache den des Schreibens gehemmten Arzt unweigerlich in ihren Bann zieht.

Die Bilder wirken in ihrer entrückten Klarheit schier typisch europäisch, die Umsetzung in ihrer Unverfälschtheit schmerzlich nüchtern. Natürlich kommen sich Brenner und Gizella in einem Sog unterdrückter Gelüste näher. Doch eine Zukunft gibt es nicht. Am konsequenten Schlusspunkt dieses Mosaiks des Wahnsinns wird die Erinnerung einfach übermalt, das Vermächtnis einfach verbrannt. Das überaus spröde, auf verstörende Weise sinnliche Drama erzählt seine elegisch ausgebreitete Geschichte fast schon orientierungslos – und reflektiert damit auch die aufgewühlten Gefühlszustände der Hauptfiguren. Kein einfaches Stück Kunstkino, aber ein sehenswertes.

Wertung: (7 / 10)

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