Narc (USA 2002)

narcDas Genre des Cop-Thrillers zieht sich wie ein roter Faden durch die Historie des Kinos. In den frühen Siebzigern jedoch wichen die aufrechten Bewahrer von Justiz und gesellschaftlicher Ordnung einem Schlage von oftmals am Rande der Legalität agierenden Gesetzeshütern des Kalibers Harry Calahan oder „Popeye” Doyle. Sie prägten jene Filmgattung nachhaltig bis in die qualitativ häufig abstürzende Gegenwart hinein. Oscar-prämiertes Ausnahmebeispiel jüngerer Vergangenheit bietet Antoine Fuquas dezent überschätzter Kinoerfolg „Training Day”. Dass in den Gefilden unabhängiger zu Werke gehender Produktionsstätten jedoch beizeiten auch hochwertige Kost auf diesem Sektor entstehen kann, zeigen unter anderem Danny Cannons bitteres Thriller-Drama „Phoenix” von 1997, wie auch der jüngst auf Video und DVD erschienene Geheimtipt “Narc”, gleichwohl wie Erstgenannter geprägt von einem glänzend aufspielenden Ray Liotta.

Der ehemalige Undercoveragent Nick Tellis (Jason Patric), wegen unbeabsichtigter Tötung eines ungeborenen Kindes im Leibe der Mutter während eines Zugriffs auf einen unbedeutenden Drogendealer vom Dienste suspendiert, soll den Detroiter Behörden bei der Aufklärung des Mordes am verdeckt in der Drogenszene ermittelnden Polizisten Michael Calvess behilflich sein. Wiederwillig nimmt der verheiratete Vater eines Sohnes im Säuglingsalter den rettenden Strohhalm aus dem drohenden Berufsverbot an und wird im Rang eines Detectives dem Morddezernat zugeteilt. Auf Nicks Wunsch wird zudem der aufgrund seiner Arbeitsmethoden sehr umstrittene Henry Oak (Ray Liotta) zum Falle Calvess hinzugezogen, wohlwissend, dass Oak als ehemaliger Partner und enger Freund des Ermordeten ein Sicherheitsrisiko bezüglich der Enträtselung der ungeklärten Umstände bedeuten. So begeben sich die beiden Cops im Sumpfe aus potentiellen Tätern und Zeugen auf die Suche nach den Schuldigen, doch liegt zwischen Schein und Sein eine höchst unbequeme Wahrheit verborgen.

Der von Hollywood-Star Tom Cruise Co-Produzierte Thriller bietet beileibe mehr als die übliche „Good Cop – Bad Cop”-Konstellation, auch wenn „Narc” kaum über hinlänglich bekannte Standards hinausblickt. Das muss er allerdings auch nicht, denn Regisseur und Drehbuchautor Joe Carnahan („Blood Guts Bullets and Octane”) driftet trotz altbackener Genrezutaten zu keiner Zeit in Klischees oder Unglaubwürdigkeiten ab. Vielmehr schöpft aus dem intensiven Spiel der beiden Hauptdarsteller eine intensive atmosphärische Dichte. Zu der trägt auch die ausgefeilte Optik bei, die neben stilistischen Feinheiten (Split-Screens und Handkamera) im Vorzug verwaschene, ausgeblichene Bilder mit sichtlichem Blaustich präsentiert. Die über weite Strecken rastlose Kamera fungiert dabei als aktives Bindeglied zwischen Betrachter und dem Geschehen auf dem Bildschirm, wobei selbst im schützenden Kreise von Nick Tellis’ Familie die allgegenwärtige Trostlosigkeit greifbar erscheint. Untermalt wird dies obendrein durch die karge Ausstattung im eindrucksvollen Zusammenwirken mit kantigen Schnitten.

Zudem kommt Carnahans um Authentizität bemühter Film praktisch ohne Action aus und verdrängt den Gebrauch von Schusswaffen als unterhaltungsförderndes Element gänzlich aus dem Betrachtungsfeld. Weit größeres Augenmerk  wird auf die sich nur schleppend und allmählich vollziehende Charakterisierung der Gesetzeshüter auf Gratwanderung zwischen Recht und Unrecht gelegt. Der merklich aufgedunsene Ray Liotta („GoodFellas”) präsentiert dabei eine wahrlich begnadete Vorstellung, der der nicht minder beeindruckende Auftritt Jason Patrics („Sleepers”) in nichts nachsteht. Darüber hinaus bleibt Rapper und Freizeit-Mime Busta Rhymes („Halloween: Ressurrection”) erstmalig nicht nur als klischeebehafteter „Buddy-Nigger” in unrühmlicher Erinnerung, während Chi McBride („Nur noch 60 Sekunden”) und John Ortiz („Amistad”) ihr übriges zur Abrundung gut besetzter Nebenrollen beisteuern.

„Narc” ist ein kleines Thriller-Juwel, facettenreich, visuell bestechend und von beklemmender Atmosphäre. Mit schonungsloser Härte erzählt Joe Carnahan die durchweg fesselnde Geschichte zweier Polizisten am gesellschaftlichen Kliff der Drogenszene, ein fulminantes wie bitteres Finale integriert. In begnadete Bilder getaucht, ist das schroffe, mit einem geradezu lächerlichen Budget von 3 Millionen Dollar inszenierte Werk, Independent-Kino durch und durch. Wenn auch im Gewande einer Major-Produktion, was wohl dem Vertrieb durch Paramount zuzuschreiben bleibt. Unerklärlich bleibt somit einzig, aus welchem Grunde dem deutschen Publikum dieses Genre-Kleinod auf grosser Leinwand vorenthalten blieb.

Wertung: (7,5 / 10)

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