Nackt (D 2002)

nacktDas deutsche Kino krankt an akuter Ideenlosigkeit. Entweder gibt´s sperriges Kopfkino mit überwiegender Flopgarantie, bestens unterstrichen durch den fast 18 Mio. Mark teuren Supergau „Marlene” aus dem Jahre 2000, oder ultraflache Prollkomödien im Fahrwasser erfolgversprechender amerikanischer Vorbilder. Man kann es drehen und wenden wie man will, die deutsche Filmwirtschaft tritt schlicht auf der Stelle. Zum einen liegt dies am mangelnden Mut zu kontroverseren Produktionen, zum anderen an der eher müden Verteilung von Fördergeldern des Bundes. Am Beispiel des Nachbarn Frankreich, bei dem ein festgeschriebener prozentualer Anteil des gesendeten Programmes nationalen Produktionsstätten entstammen muß, läßt sich anhand immenser Erfolge auch auf internationaler Bühne in den letzten Jahren ermessen, welche Richtung künstlerisch angemessener und wirtschaftlich förderlicher wäre.

Doch tummeln sich zwischen kinematographischer Belanglosigkeit in unseren Landen auch Regisseure, welche mit ambitionierten Filmen wahre Selbstläufer auf nationaler Ebene schaffen. So muß neben Namen wie Detlev Buck, Sönke Wortmann und Ausnahmeregisseurin Caroline Link auch in einem Atemzug Doris Dörrie genannt werden. Jene Filmemacherin besorgte im vergangenen Jahr mit „Nackt” höchstselbst die Verfilmung ihres eigenen Romanes „Happy” und legte neben „Nirgendwo in Afrika” einen der besten deutschen Filme des Kinojahres 2002 vor. Im Mittelpunkt der in drei Teile zerfallenden Geschichte stehen drei Paare, die im Zuge eines gemeinsamen Abendessens im Mittelteil zueinander finden.

Da sind Emilia (Heike Makatsch) und Felix (Benno Führmann), die sich nach fünfjähriger Beziehung auseinandergelebt haben und für diesen Abend noch einmal zusammen auftreten. Zuvor jedoch, beim treffen in Emilias Wohnung, steht eine lebhafte Diskussion auf dem Programm, in dessen Zuge das Scheitern jener Zweisamkeit an seinen Ursprung geführt wird. Felix präsentiert sich dabei als unbelehrbarer Zyniker, der auch zu diesem Zeitpunkt keinerlei Rücksicht auf das in Trümmern liegende Herz Emilias zu nehmen scheint. Annette (Alexandra Maria Lara) und Boris (Jürgen Vogel) hingegen flüchten vor der kalten Realität in harmonische Träumereien zwischen realer Zufriedenheit und der Hoffnung auf immerwährende Verliebtheit. Doch vermag es Boris im kalten Alltag nicht, seiner Annette endlich den langgeplanten Heiratsantrag zu machen. Die letzten im Bunde sind Charlotte (Nina Hoss) und Dylan (Mehmet Kurtulus), Gastgeber des abendlichen Treffens im Kreise langjähriger Bekannter und Freunde. Durch spekulationen an der Börse zu Reichtum gelangt, wird Dylan seiner Verlobten mit steigendem Luxus immer fremder.

Bei der anschließenden Zusammenkunft der drei Paare werden über die Zeit hinweg gewachsene Kluften zwischen den Freunden offen nach außen gekehrt. Der Gesprächsstoff taumelt zwischen Haßliebe und Neid, dem Wunsch nach Geborgenheit und Verlust der eigenen Freiheit. Die Diskussionen des Abends gipfeln letztlich in eine perfide Wette, bei der die Paare um Dylan und Boris die Partner im entkleideten Zustand mit verbundenen Augen einzig durch Berührungen erkennen sollen, während Emilia und Felix als Schiedsrichter fungieren. Autorin und Regisseurin Doris Dörrie („Bin ich schön?”) beleuchtet mit „Nackt” auf tragikomischem Wege essentielle Fragen und Ängste langjähriger Beziehungskisten. Ehrlich und mit viel Gespür für Dialogstärke geben ihre vielschichtigen Charaktäre These um These zum Besten und bieten im Rahmen ihrer seelischen und emotionalen Entblätterung genügend Raum für Selbsteinordnung und Identifikation des Zuschauers. Die ruhige, fast stehende Bildführung verleiht dem Film durch diese Distanz zum Geschehen fast voyeuristische Züge, bezieht er den betrachter in das Geschehen auf der Leinwand als stillen Beobachter mit ein.

Der aufgesplittete Erzählrhytmus, der Anfangs erst Augenmerk auf die einzelnen Paare legt, dann im Hauptteil die Zusammenkunft schildert, um gegen Ende erneut jedes Gespann im Einzelnen zu betrachten, unterstützt dabei die Schilderung des Seelenzustandes der Protagonisten und läßt „Nackt” trotz allem Verzicht auf Tempo zu keiner Zeit in Langeweile abdriften. Dafür sorgen allerdings auch die glanzvollen Auftritte der Darsteller, seien es auf maskuliner Seite Benno Führmann („Der Krieger und die Kaiserin”) und Jürgen Vogel („Fette Welt”) und auf femininer Seite Heike Makatsch („Männerpension”) und Alexandra Maria Lara („Der Tunnel”). Mehmet Kurtulus („Kurz und schmerzlos”) und Nina Hoss („Liebe deine Nächste”) wissen zwar auch zu überzeugen, doch erscheinen ihre Auftritte affektierter und aufgesetzter als die der anderen Paare. „Nackt” ist ein überaus gelungener Blick in das Seelenleben verschiedener Paare, offen und weitesgehend ohne gängige Strickmuster auskommend. Die guten Leistungen vor und hinter der Kamera verhindern dabei, dass der dialoglastige Film in der Redseligkeit seiner Charaktäre untergeht. Nicht nur für Paare geeignet, dürfte so manch lakonisches Gespräch beim Betrachter ganz eigene Erfahrungen und Erinnerungen wachrufen.

Wertung: (7,5 / 10)

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