Mondo Cannibale 2 – Der Vogelmensch (I 1977)

mondo-cannibale-2-der-vogelmenschDer Mondo-Film ist pure Exploitation. Unter Vorgaukelung anthropologischen Interesses suhlt er sich in Semi-Dokumentarismus, bleibt jedoch einzig der vordergründigen Ausschlachtung von Gewalt, Nacktheit und primitiv-indigenen Kulturkreisen unterworfen. Fester Bestandteil dieser streitbaren, durch und durch italienischen Unterhaltungsabart ist neben Kannibalismus der Tier-Snuff. Zur Wirksteigerung exotischer Riten oder auch einfach, um den Pseudo-Realitätsgehalt zu steigern, wird die oft qualvolle Tötung von Reptilien, Amphibien oder Primaten gezeigt. „Mondo Cannibale 2 – Der Vogelmensch“ bildet dahingehend keine Ausnahme.

Regisseur Ruggero Deodato, der mit „Cannibal Holocaust“ drei Jahre später die (auch aufgrund besagter Tierquälereien) heftig diskutierte Blaupause des Found Footage-Themas drehte, zeigt neben qualitativ sichtlich abfallenden Archivmaterial von Duellen verschiedener Spezies die schonungslose Zerstückelung eines Alligators. Dem bedauernswerten Reptil wird erst mehrfach gegen den Kopf geschlagen, ehe selbiger mit ein paar Hieben nahezu vom Rumpf getrennt wird. Damit nicht genug, wird der Körper anschließend der Länge nach aufgeschlitzt. Deodato selbst sollen Szenen wie diese nicht behagt haben. Gedreht hat er sie trotzdem. Die Rechtfertigung, alle getöteten Tiere wären später verköstigt worden, macht den Beigeschmack nicht weniger fad.

Umberto Lenzi war der erste, der abseits des Dokumentarfilms kannibalische Szenen und offen gezeigte Tiertötungen als Stilmittel einbrachte. Sein „Mondo Cannibale“ (1972) ist ein Abenteuerfilm, der explizit auf die Authentizität der gezeigten Gräuel verweist, diese aber in eine fiktive Handlung bettet. Deodato treibt das Spiel mit Fakt und Fiktion auf die Spitze, indem er gleich die ganze Geschichte als Wahrheit verkauft und Robert Harper (Massimo Foschi, „Neun Gäste für den Tod“) bei der Suche nach Bodenschätzen im Urwald der Philippineninsel Mindanao stranden lässt. Mit von der Partie ist neben Pilot und junger Begleiterin – beide mit bescheidener Lebenserwartung – Wissenschaftler Ralph (Ivan Rassimov, „Mondo Cannibale“).

Der hat das „Dschungel-Abitur“, was den beiden merklich nutzt, als sie beim Besuch eines im Urwald gelegenen und verlassen vorgefundenen Basislagers von Menschenfressern überrascht werden und sich auf der Flucht verirren. Der Pilot endet in einer Bambusfalle, die Begleiterin wird von den Wilden über Feuer zubereitet. Als Robert und Ralph getrennt werden, wird der Erstgenannte von den Kannibalen aufgegriffen und in deren als Behausung dienliche Höhle verschleppt. Durch die Ankunft mit dem Flugzeug halten ihn die urzeitlich  anmutenden Minderzivilisierten für einen Vogel, reißen ihm die Federn, pardon Kleider vom Leib und lassen ihn an einer Liane von der Höhlendecke baumeln.

In einem Vogelpferch wird er Zeuge von Lebensweise und Ritualen – der von Ameisen abgefressene Unterarm verdeutlicht den Fokus auf mäßig getrickste Unappetitlichkeiten –, ehe er am Ende seiner Kräfte beherzt die Flucht wagt. Dabei verschleppt er die hübsche Pulan (Me Me Lai, ebenfalls in „Mondo Cannibale“ dabei), im Übrigen die einzige Wilde, die im Besitz eines vollständigen Gebisses zu sein scheint, und macht sie sich durch Vergewaltigung gefügig. Was klingt wie der feuchte Traum des Kolonialismus, wird von Deodato, wie das Leben der Kannibalen insgesamt, durchaus mit kulturellem Interesse beäugt. Sein Film hat wenig Tempo, was die im Ansatz progressive, im Kern jedoch offenkundig spekulative Weiterentwicklung des Abenteuerfilms nicht weniger durchschaubar gestaltet.

Der Naturverbund bleibt als undurchsichtiges Dickicht beständiger Gefahrquell. Ihm ringt Deodato vereinzelt atmosphärische Momente ab. Aber „Mondo Cannibale 2“ ist nicht allein holprig erzählt, sondern im Stile von klassischem Bahnhofskino-Sleaze auch handwerklich unzulänglich. Die Schauspieler bleiben unauffällig, wobei Hauptakteur Foschi im kulturell rückentwickelten Milieu ein paar intensive Eindrücke schafft. Dass er am Ende, nach der absurd zufälligen Wiedervereinigung mit dem verschollenen Ralph, von Kannibalen verfolgt gezwungen ist, das zivilisatorische Korsett kurzzeitig abzustreifen, darf noch als einer der gelungeneren Aspekte betrachtet werden. Der fragwürdige Klassiker hat zweifelsfrei seine Momente, reicht unter dem Strich aber weder an Lenzis Vorgänger, noch den deutlich unbehaglicheren „Cannibal Holocaust“ heran.

Wertung: (4 / 10)

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