Melinda & Melinda (USA 2004)

melinda-und-melinda„Well, how can it be a romantic, funny world if you can’t trust your own cardiogram?”

Woody Allen ist „out”. Mit seinem jüngsten Werk „Match Point“ vermochte der brillante Dramödiant die Kritiker wieder einhellig hinter sich zu bringen. Dessen ungeachtet zögern die Verleiher, seine Filme ins Kino zu bringen. Denn nur so erklärt sich, warum der bereits drei Jahre alte „Hollywood Ending“ in Deutschland noch immer auf seine Veröffentlichung wartet. Stattdessen rückte im vergangenen Jahr „Anything Else“ in gebotener Kürze und einst undenkbarer Verspätung auf großer Leinwand nach. Diese sich ausweitende Verzögerung hat nun „Melinda und Melinda“ erreicht, Allens alljährlicher Filmbeitrag von 2004.

Darin geht der Oscar-prämierte Auteur der Frage nach, wie weit die Grenzen zwischen Drama und Komödie auseinanderliegen. Lassen sich je nach Veranlagung die amüsanten Seiten des menschlichen Daseins aus einer beliebigen Geschichte gewinnen, oder dominieren doch die tragischen Aspekte? Eine Abendgesellschaft geht diesem Streitpunkt möglichst fantasievoll auf den Grund: In zwei parallelen Handlungssträngen wird das Schicksal der imaginisierten Melinda (Radha Mitchell, „Wenn Träume fliegen lernen“) nach Fasson der jeweiligen Partei fortgesponnen.

Woody Allen („Der Stadtneurotiker“) unterstreicht auch mit „Melinda und Melinda“ seinen Status als intelligenter Geschichtenerzähler. Im Hinblick auf die Figuren werden Zwangsneurosen auf ein Minimum reduziert, althergebrachte Stiche in Richtung Nazideutschland und Judentum gar völlig ausgeklammert. Die Dialoge sind weniger geschliffen und pointiert, der Film weniger auf situative Komik ausgelegt. Mit dem tapsigen Sympathieträger Will Ferrell („Buddy der Weihnachtself“) kehrt Allen dennoch zur liebgewonnenen Routine zurück und konfrontiert ihn an seiner statt mit skurrilen Situationen und Gefühlschaos.

Die bis auf Radha Mitchell – oft an die junge Mia Farrow erinnernd – differierende Besetzung gibt den Tenor des jeweiligen Erzählgefüges vor: In der dramatischen Variante sendet Woody Allen herausragende Darsteller wie Chloë Sevigny („Dogville“) und Chiwetel Ejiofor („Dirty Pretty Things“) in emotionale Wirrungen, bei der humorigen Abhandlung Amanda Peet („Was das Herz begehrt“) und erwähnten Will Ferrell. Dieses Konzept funktioniert, gerade weil sich die Gratwanderung zwischen den Versionen in kleinen Facetten und feinen Nuancen vollzieht.

Keine der beiden Episoden neigt sich in nur eine Richtung, sondern gelangt über tragikomische Elemente an das letztlich polarisierende Finale. Die Grenzen zwischen Komödie und Tragödie sind fließend. Woody Allen selbst beschrieb den Unterschied einst folgendermaßen: Wenn eine Person stürzt und sich wieder erhebt, so ist es Komik. Bleibt besagte Person aber liegen, so ist es Tragik. In den Worten seiner Kritiker mag Woody Allen „out“ sein. Für seine zahllosen Fans ist und bleibt er ein Genie.

Wertung: (7 / 10)

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