Margin Call – Der große Crash (USA 2011)

margin-callDie Finanzkrise von 2008 hat ihre Spuren auch in der Traumfabrik hinterlassen. Diverse kritische Filme gibt es schon jetzt einige, kaum wenige Jahre danach, wobei die Nachwehen noch immer nicht verklungen sind. Den vielleicht besten Beitrag bislang liefert Regie-Debütant John Chandor ab, der mit „Margin Call – Der große Crash“ das Gebäude einer namenlosen Investmentbank nur beiläufig verlässt. Der gesamte Film spielt sich in knapp einem Tag ab, der nicht nur das Leben der nicht mal ein Dutzend Protagonisten verändert, sondern gleich das ganze System.

Der Abschied kommt unverhofft, dafür umso brachialer. Das muss auch Eric Dale (Stanley Tucci) erkennen, der seit 19 Jahren bei seiner Firma arbeitete, zuletzt als Risikomanager. Ein kurzes – und auf Basis der langjährigen Zusammenarbeit unmenschliches Gespräch – später steht er mit zwei Kartons und gesperrtem Blackberry auf der Straße. Er ist nicht der einzige an diesem Tag. Zuvor konnte er eine begonnene Auswertung dem jungen Analysten Peter Sullivan (Zachary Quinto) in die Hand drücken. Dieser entflechtet das Zahlenmaterial auf dem USB-Stick und kontaktiert schockiert sofort seinen Abteilungsleiter Will Emerson (Paul Bettany), der wiederum nach einem kurzen Blick darauf seinen Chef Sam Rodgers (Kevin Spacey) informiert. Ohne lange Diskussionen wird noch in der Nacht der Vorstand (darunter Demi Moore) zusammengerufen und eine verhängnisvolle Entscheidung getroffen, die nicht nur die Zukunft der eigenen Firma nachhaltig beeinflussen wird.

In seinem Debüt offenbart Chandor die unterschiedlichsten Facetten menschlichen Lebens innerhalb des globalen Finanzsystems. Sein Film gilt weniger dem gesamten Apparat oder einer ganzen Industrie. Auch beschränkt sich nicht alles auf eine fast schon dämonisierende Person wie bspw. bei „Company Men“. Doch auch hier kommt dem CEO (Jeremy Irons) eine gewichtige Rolle zu. Entscheidungen aber treffen hier alle, ungeachtet ihrer Hierarchiestufe. Für das Unternehmen, aber gerade auch für sich selbst. Vor allem diese unterschiedlichen Entscheidungen sorgen für Spannung, zeigen aber auch die Unsicherheit inmitten des Finanzapparates, bei dem Menschlichkeit einfach völlig fehl am Platze ist.

Es mag vielleicht anfangs etwas schwer fallen, dem Geschehen und den Auswirkungen zu folgen. Denn nur wenig wirkt griffig. Die Bank hat keinen Namen (wobei man sich denken kann, auf welches Institut der Film besonders abzielt) und auch das Geschäftsmodell ist nicht klar. Was ein „Value at Risk” ist, muss man nicht zwingend wissen, denn das tun die Entscheidungsträger mitunter auch nicht. Unwissenheit, Verdrängung, Verlustängste und Überheblichkeit ziehen sich quer durch den Apparat. Immer wieder zeigt Chandor die Darsteller am Rande des Abgrunds, inmitten von New York, umgeben von anderen, meist kleineren Häusern. Mit Glamour und Party hat das nicht viel zu tun, zu monoton und leblos wirken die Abläufe und Büros, zu fremd sind sich Angestellte und Vorgesetzte. Nicht nur in den horrenden Unterschieden bezüglich Fixgehalt und Bonus.

Wie gesagt geht es nicht um das System an sich, sondern um die Menschen, die dieses leichtfertig ins Wanken bringen. Zynisch sind sie auf ihre Art und Weise alle, selbstgerecht, nach unten tretend, nach oben buckelnd. Das trifft vor allem auf den aalglatten Simon Baker („The Mentalist“) zu, natürlich auch auf Jeremy Irons („Königreich der Himmel“), der jedoch über sich niemanden stehen hat. Trotzdem gilt sein Charakter als Spiegelbild der ganzen Krise. Nicht nur im Film. Paul Bettany („Priest“) wirkt trotz seines jungen Alters schon unglaublich reif und erfahren, jedoch genauso abgestumpft. Das hat Zachary Quinto („Star Treck“) als junger Analyst noch vor sich, doch auch er nutzt später lediglich die Gunst die Stunde, um höhere Boni und Einmalzahlungen einzustreichen.

Jeder Tag länger ist ein gewonnener Tag. Das gilt auch für Kevin Spacey („American Beauty“), der als einziger ein Gewissen zu haben scheint, doch für sein bewusst falsches Handeln entsprechend entlohnt wird. Emotionen werden ohnehin nur beim dahinsiechenden Hund sowie auf dem Klo gezeigt. Über Sinn und Unsinn wird zwar gesprochen, aber nicht entsprechend gehandelt. Ein unglaublich intensives, durchweg gut gespieltes Drama, welches auf Wohlfühleffekte komplett verzichtet. Aber das war in der Realität ja auch nicht anders.

Wertung: 8.5 out of 10 stars (8,5 / 10)

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