Lost (Season 1 - 6) (USA 2004 - 2010)
25. Mai 2011· von Thomas8.5 / 10

„Do you know why they call Australia ´Down Under´? Because it's as close as you can get to Hell without being burned.“ - Nicht nur dem Namen nach ein Quell religiöser Verweise: Christian Shephard
Am Anfang wird ein Auge geöffnet. Abrupt. Orientierungslos. Von unten blickt es auf die Wipfel eines Bambuswäldchens. Es ist der kurze Moment der Ruhe vor dem Sturm. Und dass, obwohl die eigentliche Katastrophe bereits vorüber ist. Flug Oceanic 815 war auf dem Weg von Sydney nach Los Angeles. Erst kam der Pilot vom Kurs ab, dann zerbrach die Maschine wie aus dem Nichts im Nirgendwo und stürzte über einer einsamen Insel ab. Diese wird nicht nur die Gestrandeten, die Verlorenen auf Trab halten, sondern auch den Zuschauer. Denn die Entschlüsselung ihrer Geheimnisse und die Zusammenführung von Schicksalen und Leben reißt Millionen Menschen rund um den Globus mit. Immer und immer wieder.
„Lost“ hat längst TV-Geschichte geschrieben und bietet auch nach dem im Mai 2010 erstmals ausgestrahlten Finale ausreichend Diskussionsstoff, um diversen Universitätsabsolventen verschiedener Fachrichtungen ihre Abschlussarbeiten zu füllen. Über 6 Staffeln und 115 Episoden kreierten die Serienschöpfer J.J. Abrams, Jeffrey Lieber und Damon Lindelof einen Kosmos, der (nahezu) perfekt zwischen Mystery und Drama schwebt. Ihre Figuren wirken glaubhaft und real genug, um an ihren Geschichten Anteil zu nehmen, während die ominöse Insel mit ihren unerklärbaren Phänomenen und nachhaltig erläuterten Gefahren eine faszinierende Fremdartigkeit suggeriert, die Spekulationen und Interpretationen mit jedem neuen Cliffhanger nur weiter befeuert.
„If we can't live together... we're gonna die alone.“ - Jack
Von den ursprünglich 48 Überlebenden nehmen einige wenige die Hauptrollen ein: Jack Shephard (Matthew Fox), ein brillanter, aber stets mit sich hadernder Chirurg, wollte den toten Vater, Christian (John Terry), aus Sydney in die Heimat überführen. Er wird ein Anführer, eine Art moralische Identifikationsfigur. Ein Hirte eben, wie es bereits sein Nachname andeutet. Die erste freundschaftliche Bekanntschaft – und schnell auch Love Interest – wird Kate Austen (Evangeline Lilly), eine flüchtige Verbrecherin, die von einem Bundesbeamten in Australien geschnappt wurde. Zwischen den beiden steht James Ford (Josh Holloway), genannt Sawyer, ein zynischer Betrüger, den die Geister der Vergangenheit nicht loslassen. Eine Schlüsselrolle fällt John Locke (Terry O´Quinn) zu, einem an den Rollstuhl gefesselten Büroangestellten, der nach dem Crash plötzlich wieder laufen kann – und der den Absturz als erster als Fügung des Schicksals begreifen will.
Weiterhin ist da der ebenso fettleibige wie gutmütige Hugo Reyes (Jorge Garcia), genannt Hurley, der sich seit einem Millionengewinn im Lotto als verflucht betrachtet. Sun (Yunjin Kim) und Jin Kwon (Daniel Dae Kim), ein südkoreanisches Ehepaar, flohen vor ihrem Vater, einem patriarchisch kriminellen Großunternehmer nach Amerika. Sayid Jarrah (Naveen Andrews) diente unter Saddam Hussein in der Republikanischen Garde des Irak und verrichtete seine Dienste als Foltermeister später auch für das US-Militär. Charlie Pace (Dominic Monaghan), ein junger heroinsüchtiger Musiker, freundet sich mit Claire Littleton (Emilie de Ravin) an, die, hochschwanger, kurz nach der Ankunft auf der Insel entbindet. Der mittellose schwarze Künstler Michael Dawson (Harold Perrineau) ringt mit seiner Verantwortung als Vater, würde jedoch alles tun, um Sohn Walt (Malcolm David Kelley) nach Hause zu bringen.
„I've looked into the eye of this island, and what I saw... was beautiful.“ - Locke
Die erste Staffel dient der Orientierung und Einführung. In parallel eingeflochtenen episodischen Flashbacks wird die Vergangenheit der einzelnen Protagonisten erörtert und ein komplexes Charaktergefüge geschaffen. Während die Gruppe zusammenwächst und den Überlebenskampf auf der geheimnisvollen Inselwelt annimmt, ziehen die ersten Fragezeichen auf. Welch gewaltige Kraft treibt im Dschungel ihr Unwesen? Warum sieht Jack seinen toten Vater? Wie kommen Polarbären auf das Eiland? Das Monster (später in Fankreisen bevorzugt als ´Man in Black´ adressiert) entpuppt sich später als elektrisch zischende schwarze Rauchwolke. Ihre Herkunft wird erst in der finalen Season enthüllt, wenn die bedrohliche Novität des Settings längst einem epischen Kontext mit enormem Zuwachs an Figuren und Handlungsorten gewichen ist.
Denn natürlich sind die Gestrandeten nicht allein. Dies zeigt sich erstmals, als der zunächst unbemerkte Fremde Ethan (William Mapother) versucht Claire und ihr Baby zu entführen. Damit nicht genug, stoßen Locke und Boone (Ian Somerhalder), dessen verzogene Schwester Shannon (Maggie Grace) zögerlich mit Sayid anbandelt, auf das Wrack eines kleinen zweimotorigen Flugzeugs – und folgen den sorgsam ausgestreuten Brotkrumen bis zu einer mysteriösen Luke im Boden. Sie scheint antworten zu verheißen und Lösungen anzubieten. Doch unter ihr findet sich in Staffel zwei lediglich der Schotte Desmond (Henry Ian Cusick), der in einem Bunker alle 108 Minuten eine Kombination Hurley seltsam familiär erscheinender Zahlen (4, 8, 15, 16, 23, 42) in einen Computer eintippt, um, wie es ihm gesagt wurde, den Untergang der Welt zu verhindern.
„This is all there is left. This ocean, and this place here, we are stuck in a bloody snowglobe!“ - Desmond
Die durch Ethan vage eingeführten anderen Bewohner, genannt ´The Others´ offenbaren sich erstmals offen bei einem Versuch von Sawyer, Jin, Michael und Walt der Insel zu entkommen. Walt wird verschleppt, das mühsam erbaute Floß in Brand gesteckt. Zurück am Strand begegnen Michael und seine Begleiter den Überlebenden des beim Absturz abgesprengten Hecks von Flug Oceanic 815: der toughen Polizistin Ana Lucia (Michelle Rodriguez), dem afrikanischen Priester Mr. Eko (Adewale Akinnuoye-Agbaje), Zahnarzt Bernard (Sam Anderson), Mann der von Jack in der Pilotfolge geretteten Rose (L. Scott Caldwell), und die Hurley bald die Augen verdrehende Libby (Cynthia Watros).
Mehr noch als die Bedrohung durch die Others führt Staffel zwei den faszinierendsten und ambivalentesten Charakter der gesamten Serie ein: Benjamin Linus (Michael Emerson), den Anführer der lange undurchsichtigen Gegenpartei. Er ist Teil der Dharma Initiative, die auf der Insel Versuchsreihen durchführte und ein ganzes Netz technisierter Stationen anlegte, deren Funktionsweise bevorzugt durch Lehrfilme mit Beteiligung Dr. Changs (Francois Chau) erläutert wird. Eine davon ist ´The Swan´, in der Locke alle 108 Minuten wie besessen jenen die Welt rettenden Knopf drückt. Ben, der sich als Henry Gale ausgibt und nach bemerkter Lüge von Sayid gefoltert wird, streut Zweifel. Vor allem in Locke, der wie Michael in der hoch dramatischen Zuspitzung der zweiten Staffel eine fatale Entscheidung trifft.


Adewale Akinnuoye-AgbajeAlan DaleCheech MarinClancy BrownDamon LindelofDaniel Dae KimElizabeth MitchellEmilie de RavinEvangeline LillyHarold PerrineauHenry Ian CusickIan SomerhalderJ.J. AbramsJeff FaheyJeremy DaviesJohn TerryJorge GarciaJosh HollowayKatey SagalKen LeungLance ReddickM.C. GaineyMaggie GraceMark PellegrinoMatthew FoxMichael EmersonMichelle RodriguezMysteryNaveen AndrewsSerieTerry O'QuinnTitus Welliver